Betroffene der Ahrtal-Flut erheben in TV-Doku Vorwürfe: "Einfach dem Schicksal überlassen"
Autor: Julian Weinberger
, Freitag, 03. Juli 2026
In der Nacht des 15. Juli brachen über Bad Neuenahr die Wassermassen herein. Eine TV-Doku blickt nun auf die Flut-Tragödie zurück und erzählt von den Schicksalen Betroffener. Die Behörden kommen dabei alles andere als gut weg.
Josefine Weber stand am 15. Juli 2021 das Wasser bis zum Hals. Doch nicht etwa sprichwörtlich: Der Bewohnerin einer Hochparterre-Wohnung in der Bad Neuenahrer Weststraße stieg das Wasser in der historischen Ahrtal-Flut bis unters Kinn. "Auf einmal fielen Schränke um. Ich dachte, es sind Einbrecher da", erinnert sich in der ARD-Dokumentation "Allein in der Flut - Mein Vater und die tödliche Nacht im Ahrtal" (ab sofort in der ARD-Mediathek) an die schicksalhafte Nacht. Dann habe sie das Rauschen gehört - und kurz darauf sei das Wasser unaufhörlich gestiegen.
"Ich habe nur geschrien: Mein Gott, man meint das Meer ist hier", denkt die Seniorin zurück. Sieben Stunden habe sie damals im Wasser ausgeharrt. Bis heute leidet sie unter Albträumen. "Das Schlimmste ist, wenn es regnet", sagt sie. "Man hat die Angst im Körper drin." So wie Weber geht es vielen Menschen, die von der Hochwasserkatastrophe betroffen waren. Teils haben sie - wie Filmemacherin Susanne Jäger selbst - geliebte Menschen an die Wassermassen verloren.
"Man hat die Bürger einfach ihrem Schicksal überlassen"
"Unvorstellbar, dass keiner etwas gesagt hat", klagt Horst Felten im ARD-Film die Behörden an. "Man hat die Bürger einfach ihrem Schicksal überlassen." Vor Gericht wurden die Verfahren gegen mögliche Verantwortliche wie den damals zuständigen Landrat Jürgen Pföhler fallengelassen. Doch die Vorwürfe der Betroffenen wiegen schwer, die Enttäuschung über fehlende Verantwortlichkeiten ist groß.
Im Erdgeschoss des Hauses von Darko Arneri etwa wohnten zwei Senioren. Weil das Wasser stieg, konnte Arneri selbst nicht mehr tun, als die Feuerwehr anzurufen. "Helfen Sie sich selbst, wir sind total überlastet", habe die Rückmeldung gelautet. Der 93-Jährige habe stundenlang um Hilfe geschrien, "dann war der Todeskampf zu Ende". Auch die Bad Neuahrerin Heike Simon fällt ein ernüchterndes Urteil über die Einsatzkräfte. "Das können wir nicht, das dürfen wir nicht, wir haben keinen Befehl", habe sie von Hilfsdiensten gehört - und schließlich selbst mit ihrem Mann angepackt.
Frau wies Ahrtal-Flutopfer ab - wegen schlammiger Schuhe
So gelang es Heike Simon nach der Katastrophe unter anderem, Maurizio Rinaudo und dessen Ehefrau aus ihrer Erdgeschosswohnung zu befreien. "Ich konnte nicht aus dem Fenster springen, weil das Wasser war zu aggressiv", war der beim Fernsehgucken mit seiner Frau von den plötzlichen Wassermassen überrascht worden. Weil nach der Überschwemmung kein Strom in ihrer Wohnung war, konnten sich die Eheleute aufgrund geschlossener elektrischer Fensterläden nicht selbst befreien. Auch Rinaudo berichtet in der Doku: "Bei uns kam keiner, niemand!" Eine Warnung vorab habe es nicht gegeben.
Ans Herz geht auch das Schicksal der Filmemacherin Susanne Jäger, deren Vater erst nach tagelanger Suche tot aufgefunden wurde. Nur wenige Meter von seiner Wohnung im ersten Stock habe er stundenlang im Wasser gestanden - mit Blickkontakt zu seiner Ehefrau. Irgendwann verließ ihn die Kraft, "verschluckt vom Wasser und der Dunkelheit". Zurück blieb ihre 87-jährige Mutter. Bei der Nachbarin wurde sie wegen ihrer schlammigen Schuhe abgewiesen. Nach stundenlangem Sitzen im Treppenhaus kehrte sie voller Trauer in die eigene Wohnung zurück. "Keiner hat sich um sie gekümmert", klagt Regisseurin Jäger.
Erst nach hartnäckigen Nachfragen und tagelanger Suche bekam Jäger den entscheidenden Hinweis auf einen provisorischen Stützpunkt, wo die Leichen der Opfer hingebracht wurden. "Tagelang fragen wir, wo die Toten hingebracht werden. Niemand gibt uns eine Antwort", skizziert Jäger die Tage voller Ungewissheit. Zum Stützpunkt wird ihr der Zugang verwehrt. Erst als die Polizei eine Zahnbürste aus der Wohnung der Familie holt und einen DNA-Test durchführt, herrscht traurige Gewissheit: Der Vater von Susanne Jäger ist tot. Er ist einer von 145 Opfern.