Druckartikel: Bei einem Fehler stürzt er in den Tod: Netflix zeigt "Free Solo" live

Bei einem Fehler stürzt er in den Tod: Netflix zeigt "Free Solo" live


Autor: Agentur dpa, Florian Hauner

Taipeh, Donnerstag, 22. Januar 2026

Der weltbekannte Kletterer Alex Honnold plant eine spektakuläre Aktion in Taipeh. Über Risiken, medienethische Debatten und die Rolle von Netflix wird intensiv diskutiert.
Alex Honnold will dort hinaufklettern - ohne Absicherung.


Zumindest für den Weg runter hat Alex Honnold einen äußerst unspektakulären Plan: Den Fahrstuhl. 101 Stockwerke, 508 Meter. Eine beeindruckende Glasfassade, pagodenartig gebaut, der Taipeh 101. Genau den will Honnold vorher hochklettern. Ohne Absicherung, aber vor laufenden Kameras, live gestreamt. "Skyscraper live" nennt Netflix das Spektakel. Waghalsig, riskant, lebensgefährlich. "Null Platz für Fehler", heißt es im Trailer.

In der Nacht auf Samstag um 2 Uhr deutscher Zeit ist es so weit: Honnold wird einen der höchsten Wolkenkratzer der Welt erklimmen. "Keine Seile, keine Ausrüstung, nur ich und das Gebäude", sagt Honnold: "Ich bin mittlerweile an die Angst gewöhnt. Sie klettert immer mit." Auf die Nachfrage in einem CNN-Interview, ob Netflix ein Sicherheitsnetz eingebaut habe, entgegnet er: "Nein."

Bekannt aus Oscar-Doku "Free Solo"

Honnold ist nicht irgendwer. Er ist einer der besten Freikletterer auf diesem Planeten. Weltweite Berühmtheit über die Szene hinaus erlangte er spätestens mit "Free Solo". Der Streifen gewann 2019 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Er zeigt Honnold, wie dieser die 915-Meter-Wand des El Capitan im Yosemite Nationalpark bezwingt.

Mit Netflix, Disney+, RTL+ Premium und mehr: Hier geht es zum SmartStream-Paket von MagentaTV*.

"Damit hat er geschafft, was vielleicht die größte Leistung des Felsenkletterns in der Geschichte dieses Sports ist", schrieb einmal der "National Geographic" über Honnolds Alleingang - auch ohne Absicherung. Seine Sache, werden manche sagen. "Angst ist ein interessanter Ratgeber", steht auf Honnolds Homepage. Mit der Live-Übertragung der Wolkenkratzer-Besteigung in Taiwans Hauptstadt werden Grenzen nun aber neu ausgelotet.

"Sobald es verkündet wurde, haben Leute gesagt: Warum machst du das? Das ist dumm. Das ist kein Klettern", schildert Honnold in dem CNN-Interview. Er verstehe das total: Aber wenn sie die Möglichkeit bekämen, das zu klettern, würden sie es auch tun. "Es ist so cool. Es ist so ein Spaß", sagt er. Honnold wirkt dabei nicht, als müsste er die Begeisterung spielen.

Ist es Voyeurismus?

Für Honnold gibt es keinen großen Unterschied für Zuschauer, ob sie sich ein NFL-Spiel live anschauen oder wie er den Taipeh 101 hochklettert. "Es sieht dramatischer aus, weil die Konsequenzen so viel größer sein können", räumt er immerhin ein. "Wenn du fällst, stirbst du", sagt er im Trailer.

Video:




"Ein Fehltritt kann das Ende bedeuten: Spielt Netflix mit dem Tod?", titelt der SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) auf seiner Homepage. "Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar", sagt der deutsche Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky in dem Beitrag. Seine Kritik richtet sich dabei nicht unbedingt gegen Honnold: "Andere Menschen fahren sehr schnell auf Autobahnen und gehen ein Risiko ein."

Für die österreichische Philosophin und Theologin Claudia Paganini unter anderem mit Schwerpunkt Medienethik überschreitet Netflix eine Grenze, weil bereits "das Konzept und das Setting voyeuristische Dynamiken fördern". Der "Deutschen Welle" sagte Paganini: "Ich halte die Live-Übertragung eines potenziell tödlichen Risiko-Events für problematisch, weil Medien damit nicht mehr nur dokumentieren, kommentieren und einordnen, sondern das Ereignis als Spektakel aktiv mitproduzieren."

Anmerkung unseres inFranken.de-Autors

Als jemand, der "Free Solo" mehrfach gesehen hat, weiß ich nicht ob ich das Live-Event guten Gewissens anschauen kann. Die Produktion von "Free Solo" ist ein Thema, dass die Gemüter zurecht spaltet. Zum einen wird ein Profisportler bei einem Jahrhundertereigniss begleitet, zum anderen wird der mögliche Tod des Protagonisten billigend hingenommen. Zur Verteidigung des Films muss jedoch gesagt werden, dass Honnold wahrscheinlich auch ohne Dokumentation den El Capitan ohne Ausrüstung erklommen hätte.

Bei dem Netflix-Spektakel verhält es sich aber anders. Bereits in der Vergangenheit hat Honnold versucht die Erlaubnis für die Besteigung des Wolkenkratzers zu bekommen. Diese wurde ihm damals verwehrt. Falls Netflix seine Hände im Spiel hat für die Erlaubnis, nimmt der Konzern den möglichen Tod von Honnold für das bisschen Geld hin.

Der größte Unterschied zwischen "Free Solo" und dem Netflix-Event besteht wohl darin, dass Netflix das Spektakel live zeigt. Wäre Honnold während der Drehaufnahmen von "Free Solo" gestorben, würde der Film in seiner heutigen Form nicht existieren. Sein Tod würde thematisiert und eingeordnet werden, oder der Dokumentarfilm wäre einfach nie erschienen. Bei einem Live-Spektakel verhält es sich einfach anders.

Da ich selbst Klettererfahrung habe, konnte ich "Free Solo" nur mit zugekniffenen Augen anschauen, da es verrückt ist, was Honnold macht. Dennoch wusste ich stets: Er wird überleben, der Film ist ja abgedreht. Bei dem Live-Event kann allerdings jeder Griff, jeder Tritt, jede kleinste Bewegung den Tod von Alex Honnold besiegeln.

Vater von zwei kleinen Kindern

Zweieinhalb Monate bereitete sich Honnold speziell noch mal auf den Taipeh 101 vor. Seit rund 30 Jahren klettert der 40-Jährige. "Die Leute schauen auf das Projekt und sagen: Das ist riskant oder gefährlich. Aber für mich ist es nicht so viel anders, als das, was ich sonst mache", sagt der verheiratete Vater von zwei kleinen Kindern.

Dieser Artikel enthält Angebote