Es ist alles gesagt über den Kaiser - nur eben noch nicht von jedem
Autor: Kai-Oliver Derks
, Mittwoch, 03. Dezember 2025
ARTE zeigt an einem Abend die dreiteilige Dokumentation "Beckenbauer - Der letzte Kaiser". Zahlreiche Prominente erinnern sich an den Kaiser und das Land, in dem er regierte.
Beckenbauer. Immer wieder Beckenbauer. Der Kaiser. Eine Lichtgestalt. Aber Genie und Mensch zugleich. Erst Vergötterter, dann Gestürzter. Irgendwann kam es im Fernsehen in Mode, seine urdeutsche Geschichte zu erzählen, und so wurden dem ernsthaften Fußballfan inzwischen eine Unzahl von Dokumentationen, Filmen und Serien über Franz Beckenbauer vorgesetzt. 2023 etwa die sehr gelungene RTL-Serie "Gute Freunde", die auf der Grundlage des brillanten gleichnamigen Buches von Thomas Huetlin entstand. Oder das Biopic "Der Kaiser" (2022) bei Sky, das etwas glatt, aber detailreich geriet. Dazu Dokus wie Uli Weidenbachs "Mensch Beckenbauer! Schau'n mer mal", Thomas Klingers "Der Ball war mein Freund" und viele, viele andere.
So viele porträtierten Beckenbauer, immer auch mit der hör-, sicht- und spürbaren Hoffnung, darüber auch selbst ein bisschen von dem Glanz des Kaisers abzubekommen. "Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch." Man kann diesen abgenudelten Werbespot eigentlich nicht mehr hören. Und man mag den Kaiser auch nicht mehr sehen, wie er zwischen strahlend weißen Kaffeetassen und ein paar schweigsamen Herren in Schwarzweiß mit todernster Miene "Gute Freunde kann niemand trennen" singt. Beides Bilder, die, wenn man sie heute nutzt, immer auch etwas Verächtliches in sich tragen, die die vermeintliche Absurdität der alten Zeiten belächeln und sich aus einer ach so wunderbaren Moderne heraus über die Bräsigkeit und Spießigkeit von gestern lustig machen: "Die haben gesungen? Wie konnten sie nur ...? Und schau, diese Frisuren!"
Jetzt wiederholt ARTE eine Dokumentation, eine gute Woche nach dem zweiten Todestag am 7. Januar. Dreiteilig gar noch. Und ja - es ist wieder mal alles drin. Die Nudeln und die Singerei natürlich auch. Die Kindheit in Giesing und die Pein des Alters. Man könnte zur Annahme kommen, dass eben schon alles gesagt ist über den Kaiser, nur eben noch nicht von jedem. Genau daraus aber zieht der Film von Torsten Körner seine Klasse. Körner hat wie kaum ein Zweiter ein Recht darauf, seine Version des Kaisers zu erzählen. Und er lässt dafür viele, viele Prominente reden.
"Ja gut, äääh, sicherlich ..."
Der Journalist und Autor, 20 Jahre und zehn Tage nach Franz Beckenbauer im Spätsommer 1965 geboren, schrieb vor gut 20 Jahren eine Biografie über Deutschland namhaftesten Fußballer ("Der freie Mann") und traf ihn sowie seine Weggefährten und -gefährtinnen dafür unzählige Male. "Beckenbauer - Der letzte Kaiser" heißt nun sein Film (Produktion: Leopold Hoesch), der zunächst bei MagentaTV lief. ARTE zeigt nun die drei Folgen hintereinander bis 22.50 Uhr.
Körner nimmt das Publikum mit zu einer Zeitreise, beginnend im Nachkriegs-Giesing nach 1945 bis hin zum Heute. Wie fast alle modernen Dokumentaristen verzichtet er auf einen Erzähler, sondern lässt die Bilder und Worte anderer für sich sprechen. Da ist zunächst natürlich Franz Beckenbauer selbst, der in zahllosen Originaltönen zu hören ist, die über die dahinter laufenden Bewegtbilder problemlos zeitlich einzuordnen sind. Viel Ungehörtes ist da dabei, viele Schätze aus den Archiven, aber einen neuen Beckenbauer ergibt das freilich nicht. Er ist immer drin, dieser vertraute Münchnerische Ton, der später gerne von manchem Komiker karikiert wurde - "ja gut, äääh, sicherlich ..."
Die "gewisse feminine Seite" in Beckenbauer
Natürlich serviert der Film alle ja schon ikonischen Fußballbilder, die des Kaisers Leben prägten, und ein paar neue dazu. Das Wembley-Tor 1966, die Niederlage bei der WM 1974 gegen die DDR, das Finale in München und 16 Jahre später dann die WM in Italien. Das Besondere an dieser Dokumentation jedoch sind die Interviews, die Körner mit Weggefährten und Beobachtern führte. Menschen also, die Franz Beckenbauer entweder gut kannten, die mit ihm einen Teil ihres Lebensweges gingen oder für die der Libero eben durch seine fußballerischen Fähigkeiten eine besondere Rolle spielte.
"Was ich so wahnsinnig interessant finde, ist, dass mir eigentlich niemand einfällt, dessen persönliche Entwicklung so parallel oder synchron verlief zur Entwicklung der Bundesrepublik wie die Entwicklung dieses Mannes. Wenn man wissen will, wie sich dieses Land ab den 50er-Jahren verändert hat, könnte man sich auch Jahr für Jahr ein Foto von Franz Beckenbauer ansehen." Diesen klugen Gedanken formuliert der Schauspieler und Fußball-Kolumnist Matthias Brandt (Jahrgang 1961) gleich zu Beginn des Films, und er gibt damit in gewisser Hinsicht die Tonalität vor. Es geht chronologisch durch das Leben Beckenbauers, vor allem aber eben parallel auch durch die Geschichte dieses Landes.