ARD-Doku über "Stuttgart 21" und die "Restrisiken": "Es ist bitter und es wird immer gruseliger"
Autor: Teleschau
, Montag, 28. Sept. 2026
Die neue Bahnchefin Evelyn Palla träumt vom "Moment, an dem alle Menschen in Stuttgart sehr stolz sein werden". Wann dieser Tag da sein wird, ist unklar. Fakt ist aber schon jetzt, dass "Stuttgart 21" das teuerste Bauprojekt der deutschen Nachkriegsgeschichte ist.
"Murks bleibt Murks." Hannes Rockenbauch ist Architekt, Städteplaner und Stuttgarter Gemeinderat. Und Gegner von "Stuttgart 21". Er ist 46 Jahre alt und über die Hälfte seines Lebens Gegner der Idee, den Stuttgarter Kopfbahnhof "zu verbuddeln", wie er sagt. Seit Mitte der 90er-Jahre, als die Pläne publik wurden, hat er sich damit beschäftigt - und wurde in seiner frühen Kritik immer mehr bestärkt. Seine aktuelle Meinung: "Es ist bitter und es wird immer gruseliger."
Aber auch, wenn's mal irgendwann läuft, könnte es brenzlig werden. Das sagte in der ARD-Dokumentation "Stuttgart 21 - Die Jahrhundertbaustelle" jedenfalls Roland Morlock von der Expertengruppe "Ingenieure 22" zum Thema Brandschutz in Tunnels. Das vorliegende Konzept enthalte "unkalkulierbare Restrisiken".
Was tun, wenn's unterirdisch mal raucht oder brennt? Morlocks Meinung nach ist das Konzept, bis zu 1.800 Leute innerhalb von höchstens zwölf Minuten aus einem Tunnel zu evakuieren, bevor alle Fluchtwege verraucht seien, mit zu heißer Nadel gestrickt: "Das kann Jahre, vielleicht Jahrzehnte gutgehen. Aber wenn's einmal schiefgeht, gibt's ne Katastrophe."
Stuttgart 21: "Weltklasse" oder "teuerste Fehlentscheidung der Deutschen Bahn"?
Der strittige Brandschutz steht nur exemplarisch für die vielen Pannen, Proteste, Halbwahrheiten und Meinungsscharmützel, die es gab, seit am 2. Februar 2010 Baustart war. Das Projekt hält Christian Böttger, Professor für Verkehrswesen, für "völlig absurd". Für Winfried Hermann, von 2011 bis 2026 baden-württembergischer Verkehrsminister, ist es "vielleicht die teuerste Fehlentscheidung in der Geschichte der Deutschen Bahn".
Günther Oettinger, von 2005 bis 2010 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ist noch heute überzeugt: "Der Bahnhof ist Weltklasse." Stuttgarts Ex-OB Wolfgang Schuster, ebenfalls Befürworter des Projektes, verdankt ihm "den schwärzesten Tag" seiner OB-Laufbahn - und Morddrohungen.
Sie alle kommen in der Doku von Helmar Büchel und Michael Fräntzel zu Wort. In den 60 Minuten wird nicht nur die Chronologie seit Baubeginn bedient, sondern weiter zurückgeblickt und erhellt, warum es das Mammutprojekt überhaupt gibt. Das hat mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung zu tun. Denn als danach der "Aufbau Ost" Priorität bekam, fürchtete man in Baden-Württemberg, dass das "Ländle" mittelfristig "zur Peripherie und umfahren werden" könnte.
Da traf es sich gut, dass mit dem damaligen Bahnchef Heinz Dürr und Matthias Wissmann, von 1993 bis 1998 Bundesverkehrsminister, ein Stuttgarter und ein Ludwigsburger an wichtigen Schaltzentralen saßen. Die waren für das Projekt "Stuttgart 21", das im April 1994 vorgestellt wurde, ebenso Feuer und Flamme wie Erwin Teufel, damals Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Boris Palmer sieht das Prestige-Projekt im "schwäbischen Minderwertigkeitskomplex" begründet.