Ab heute frei im Stream: David Lynchs Serien-Meisterwerk, das nur einen großen Makel hat
Autor: Jens Szameit
, Mittwoch, 07. Januar 2026
Willkommen zurück in Twin Peaks: ARTE holt die vielleicht atemberaubendste Fernsehserie aller Zeiten in die Mediathek. Selten waren Kunst und Konsens so nah beieinander. Doch dann wurde die "Gans mit den goldenen Eiern" geschlachtet.
Wer sich heute nach dem Einfluss der Fernsehserie "Twin Peaks" erkundigt, kann leicht ehrfürchtig werden. "Akte X" und der Mystery-Hype der 90-er? Komplexe Erzählstrukturen à la "The Wire"? Skurrile Nebenfiguren wie in "Ally McBeal"? Alles undenkbar ohne diese wegweisende Produktion, die zwischen April 1990 und Juni 1991 beim US-Sender ABC debütierte.
Ganz falsch ist das sicher nicht. Es sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Serie vollkommen einzigartig blieb. Die Koautoren David Lynch und Mark Frost entführten an einen entrückten Ort des Wundersamen. Das größte Wunder überhaupt: "Twin Peaks" wurde zum Straßenfeger. Halb Amerika grübelte Woche für Woche über die immergleiche Frage: Wer tötete Laura Palmer?
35 Jahre später dürfen sich die Nutzer der ARTE-Mediathek noch einmal nach Twin Peaks entführen lassen. Der Kulturkanal stellt alle drei Serien-Staffeln frei zum Abruf bereit - also auch die Comeback-Staffel "The Return" von 2017. Bereits abrufbar ist die Doku "David Lynch, der Meister des Rätselhaften". Der legendäre US-Filmemacher starb vor Jahresfrist, am 16. Januar 2025.
Amerikanischer als in "Twin Peaks" kann Amerika nicht sein
Wenn man so will, ist dieses fiktive 51.201-Einwohner-Städtchen Twin Peaks, gelegen nahe der US-Grenze zu Kanada, so etwas wie die Keimzelle im Kosmos des David Lynch. Amerikanischer als zwischen Diner, Tankstelle, High School und Gottes erhabener Natur kann Amerika nicht sein. Und doch wüten im dunklen Herzen dieses blank geputzten Paradieses Korruption, Drogenhandel, Prostitution, Wahnsinn und häusliche Gewalt.
Im Vorspann, unterlegt mit Angelo Badalamentis Gänsehautmusik, sieht man eingangs jeder Folge einen Vogel auf einem Ast sitzen. Danach ein Sägewerk. Mystische Natur und industrieller Kapitalismus. Im Grunde sagen diese ersten Einstellungen über die schizophrene Disposition des Ortes schon alles.
Wer Lynchs Filme der 80er-Jahre kennt, weiß: Wo es glänzt, gibt's auch Schatten. Und die größten Strahlemänner haben die dunkelsten Geheimnisse. Die allseits beliebte High-School-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) wurde ermordet. Am Flussufer wurde ihre Leiche angespült. Eingewickelt in Plastikfolie.
Dale Cooper ist mehr Schamane als Ermittler
Ein FBI-Agent wird zur Klärung des Mordfalls in die Provinz entsandt: Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan, zuvor schon Hauptdarsteller der Lynch-Filme "Dune" und "Blue Velvet") ist ein Polizist, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Mehr Schamane als klassischer Ermittler. Halb Autorität, halb staunendes Kind.