«Tatort» aus Wien: Ein Kammerspiel um Wut und Frust
Autor: Matthias Röder, dpa
, Sonntag, 26. April 2026
Sie sind gestrandet - schon in jungen Jahren. Die Bewohner einer Sozialeinrichtung in Wien kennen vor allem Zurückweisung und Enttäuschung. Kann das ein Motiv für einen Mord sein?
Sie sind zu Hause, wo niemand wohnen will: im schäbigen Gebäude einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft mit dem fast zynischen Namen «Sonnenhof» am Rand von Wien. Für die 14- bis 18-jährigen «Klienten», wie sie genannt werden, ist das Areal zwar eine Zuflucht, aber auch ein Signal, wie sehr abgeschoben sie sind, wie weit weg von der Gesellschaft, wie fern der Hoffnung auf ein gelingendes Leben. Es herrscht eine oft beklemmende Atmosphäre. Tränen, Wutausbrüche, Hass - das Regulieren von Emotionen funktioniert einfach nicht. Und dann ist plötzlich auch noch der Leiter der Wohngruppe tot.
In der «Tatort»-Folge «Gegen die Zeit» (ARD, 20.15 Uhr) werden die Mord-Ermittlungen von Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) über weite Strecken wie ein filmisches Kammerspiel inszeniert. Fast jede Action im Sinne von Blaulicht-Einsätzen ist verbannt, keine aufwendige Spurensuche am Tatort, keine Obduktion mit launigen Bemerkungen der Gerichtsmediziner. Es wird stattdessen geredet - und gebrüllt. «Da kriegt man ja Schädelweh», sagt Fellner nach einem Schreiduell mit einem Verdächtigen.
Das Ermittler-Duo glänzt mit Empathie
Der Fall? David Walcher (Roland Silbernagl), der Chef der Jugendwohngruppe, ist tot. Er wurde in der Nähe des «Sonnenhofs» erschlagen. Regisseurin und Drehbuch-Co-Autorin Katharina Mückstein filmt aber nicht allein die Ermittlungen, viele Szenen drehen sich um die Vorgeschichte des Mordes. Die Verdächtigen, und das sind alle Bewohner inklusive der drei Betreuer, werden ganz ohne Hektik und schnelle Schnitte charakterisiert. «Ich trau' jedem alles zu», sagt einer der Betreuer - und das Publikum wird nicht widersprechen.
Krassnitzer und Neuhauser spielen in ihrem vorletzten Fall äußerst überzeugend ein Ermittler-Duo voller Weisheit und Empathie. Ihr Einfühlungsvermögen verschafft ihnen den Zugang zu den «Klienten». Hauptverdächtiger ist Cihan (Alperen Köse). Der Jugendliche ist seit der Tatnacht verschwunden. Er tigert durch die Stadt, sucht Familie und Freunde auf, um sich durchzuschlagen. Cihan hat wie andere aus der WG ein Vorstrafenregister. Sein Laufduell mit Kriminalassistentin Meret Schande (Christina Scherrer) endet damit, dass er sein Messer zückt und die Beamtin ihre Pistole.
Psychisch auffälliger Waffennarr als Nachbar
Und da ist noch der ominöse Nachbar des «Sonnenhofs». Der finstere Zeitgenosse mit Schäferhund und Gewehr (Roman Blumenschein) hat den «Sonnenhof»-Bewohnern schon mit dem Tod gedroht, weil sie seine Grundstücksgrenze missachtet und Gegenstände beschädigt hätten. Erst als Eisner mit der Spezialeinheit Cobra auftaucht, öffnet er sein Grundstückstor und stellt sich unter theatralischen Umständen den Fragen des Ermittlers.
Bei der Suche nach dem Motiv blitzt dann die andere Seite des Opfers auf. Walcher war nicht nur ein engagierter Leiter der Sozialeinrichtung. Privat hat er das Leben seiner Ex-Frau mit seinen Stalking-Attacken zur Hölle gemacht.
Krassnitzer: Der Film ist ein langes Gespräch
Im Interview mit der ARD geht Krassnitzer auf die aktuelle Debatte um Jugendgewalt ein: «Was unsere Protagonisten erlebt haben, sind traumatische Geschichten von Flucht, Verwahrlosung, Ablehnung und täglichen Erniedrigungen.» Strafen und Restriktionen hätten in dem brutalen Biotop, in dem der Film spiele, keine Wirkung, findet der Schauspieler.