Live-Auftritte, eine Kinodokumentation, das "Festival des kritischen Geistes" und ein neues Album - der Liedermacher Wolf Biermann feiert in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag und hat eine ganze Menge vor.
Sein Leben ist ein Stück Zeitgeschichte. 90 Jahre wird Wolf Biermann am 15. November. Darüber hinaus jährt sich das Kölner Konzert von 1976 zum 50. Mal, das zu seiner Ausbürgerung führte. Beides wird in diesem Jahr in drei Veranstaltungen gewürdigt. In den Festkonzerten treffen Freunde, Künstler und Weggefährten (bei jeder Veranstaltung variierend) auf Wolf Biermann selbst, der seine wichtigsten Lieder und Gedichte auf die Bühne bringt. Unter dem Titel "Warte nicht auf beßre Zeiten!" finden Konzerte statt in Köln, (21. Oktober, Philharmonie), Hamburg (3. November, Elbphilharmonie) und Leipzig (21. November, Gewandhaus).
Zudem erscheint in diesem Jahr ein neues Album von Wolf Biermann sowie ein "Essentials"-Album mit seinen bekanntesten Songs. Im Herbst zur Frankfurter Buchmesse wird es neue Buchpublikationen bei Penguin Random House geben. Ein schlicht "Biermann" betitelter Dokumentarfilm kommt am 29. Oktober bundesweit in die Kinos. Darüber hinaus findet am 6. November in Berlin
das "Festival des kritischen Geistes" der Bundesstiftung Aufarbeitung anlässlich seiner Ausbürgerung statt.
Symbolfigur der oppositionellen Intelligenz in der DDR
Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg als Sohn eines kommunistischen Widerstandskämpfers geboren, der im KZ ermordet wurde. Er wuchs in der frühen Bundesrepublik auf, entschied sich jedoch als Jugendlicher für den anderen deutschen Staat: 1953 ging er in die DDR, getragen von der Hoffnung auf einen besseren Sozialismus.
Diese Hoffnung hielt nicht lange. Zwar wurde Biermann gefördert, studierte in Ost-Berlin und begann, sich als Liedermacher zu profilieren, doch seine Texte waren früh von einer eigensinnigen, unbequemen Klarheit. Er sang von den Widersprüchen des Systems und ideologischer Erstarrung und tat dies mit einer Mischung aus poetischer Schärfe und lakonischem Witz, die ihn rasch bekannt, aber auch verdächtig machte.
1965 verhängte die DDR-Führung ein umfassendes Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn. Biermann blieb im Land, arbeitete im Verborgenen weiter und wurde zu einer Symbolfigur der oppositionellen Intelligenz. Seine Lieder wurden heimlich auf Tonbändern gehandelt.
Während einer Konzertreise 1976 in den Westen entzog ihm die DDR die Staatsbürgerschaft. Die Ausbürgerung löste einen beispiellosen Protest unter Künstlern und Intellektuellen aus und markierte einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen Staat und Kulturszene. Für Biermann selbst bedeutete sie den endgültigen Bruch mit dem Land, das er einst aus Überzeugung gewählt hatte.
Im Westen setzte er seine Karriere fort, blieb jedoch stets mehr als ein Musiker: ein politischer Dichter, ein Chronist deutscher Verwerfungen, ein streitbarer Geist. Auch nach der Wiedervereinigung mischte er sich weiterhin ein.