Sie schrieb ESC-Geschichte, als der Wettbewerb noch ganz am Anfang stand: Vor 70 Jahren gewann Lys Assia den ersten Eurovision Song Contest.
Wenn am Samstag, 16. Mai wieder Millionen Zuschauer vor den Fernsehern sitzen und der Eurovision Song Contest zum 70. Mal ausgetragen wird, dann geht eine große Unterhaltungsshow über die Bühne - mit riesigen LED-Wänden, ausgefeilten Chereografien und Fan-Armeen aus ganz Europa im Publikum. Angefangen hat der Wettbewerb aber erstaunlich klein - mit nur sieben Ländern, einem Orchester in weißen Smokings und einer Schweizer Sängerin im königsblauen Samtkleid: Lys Assia.
1956 gewann Assia mit dem Chanson "Refrain" den allerersten "Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne", wie der Wettbewerb damals noch hieß. Austragungsort war das Teatro Kursaal im schweizerischen Lugano. Gerade einmal sieben Nationen traten an, jedes Land durfte zwei Lieder schicken. Von Pyrotechnik oder spektakulären Bühnenshows keine Spur. "Man hat einfach nur da gestanden und gesungen", erinnerte sich Assia 2016 im "Spiegel"-Interview. Niemand sei herumgehüpft oder habe sich "auf dem Boden gewälzt". Für die Sängerin war genau das die Stärke des frühen Wettbewerbs: "Text und Melodie. Fertig."
Assia war bereits vor ihrem ESC-Sieg ein Star
Dabei war der ESC für die damals bereits international erfolgreiche Sängerin eher ein Zwischenstopp. Geboren wurde sie 1924 als Rosa Mina Schärer im Schweizer Ort Rupperswil. Schon früh zog es sie auf die Bühne. Ihren ersten großen Hit landete sie 1950 mit dem Operettenlied "O mein Papa". Danach ging es steil bergauf: Assia trat mit Stars wie Frank Sinatra, Dean Martin oder Sammy Davis Jr. auf und vertrat zeitweise Josephine Baker in einer Show in Paris.
Der ESC-Sieg machte sie dennoch endgültig europaweit bekannt. Besonders in Deutschland wurde sie gefeiert. "Ich war immer pünktlich, immer seriös", sagte Assia dem "Spiegel". Tugenden, die beim Publikum ankamen. Doch trotz des historischen Triumphs erhielt die Sängerin 1956 nicht einmal einen Pokal. "Es wusste ja niemand, was aus dem Wettbewerb wird", erzählte sie. Erst Jahre später schenkte ihr das Schweizer Fernsehen eine Trophäe - womöglich mit etwas schlechtem Gewissen.
Der Erfolg hielt noch einige Jahre an: Bis 1964 veröffentlichte Assia regelmäßig neue Musik, mehrere Titel schafften es in die Charts. Danach zog sie sich überraschend aus dem Rampenlicht zurück. Nach ihrer zweiten Hochzeit lebte sie mit dem dänischen Millionär Oscar Pedersen in verschiedenen Ländern und betrieb Hotels in Europa, Japan und Südamerika. Erst nach dem Tod ihres Mannes Mitte der 1990er-Jahre kehrte Assia wieder auf die Bühne zurück. Das Showgeschäft habe sie nie ganz losgelassen, sagte sie. Bei Konzerten in Deutschland wurde sie gefeiert, später veröffentlichte sie noch mehrere Alben mit neuen Liedern und Neuaufnahmen ihrer Klassiker.
"Der Contest ist mein Lebenselixier"
Und der ESC? Der blieb für sie weit mehr als nur eine Erinnerung. "Der Contest ist mein Lebenselixier", sagte sie im "Spiegel"-Interview. Tatsächlich wagte Assia noch Jahrzehnte nach ihrem historischen Sieg ein erstaunliches Comeback. 2011 bewarb sie sich erneut für den Schweizer Vorentscheid, ein Jahr später sogar gemeinsam mit der jungen Rapper-Gruppe New Jack. Im Musikvideo fragte die damals 88-Jährige lässig: "Hello, how is the flow?" - und präsentierte sich als selbstironische ESC-Oma. Zwar scheiterte sie in der Vorauswahl, doch enttäuscht wirkte sie nie. "Mir genügt es schon, wieder ein wenig dabei zu sein und Eurovisions-Luft zu spüren", sagte sie damals.
Bis ins hohe Alter blieb Assia präsent, schlagfertig und erstaunlich modern. Und selbst mit über 90 schloss sie ein weiteres ESC-Comeback nicht aus: "Why not? Wenn man mich richtig ausleuchtet", sagte sie dem "Spiegel". Als Reporter der Schweizer Zeitung "Blick" Lys Assia Ende 2017 noch einmal besuchten, sprach sie mit bemerkenswerter Gelassenheit über ihr Leben - und über dessen Ende. "Das Leben ist zu kurz, um es mit unwichtigen Dingen zu verbringen", sagte sie damals. Ihr eigenes Leben sei "sehr glücklich" gewesen, Angst vor dem Tod hatte sie nicht: "Ich habe genügend Beweise für die Existenz von Gott. Wenn ich ihn um etwas gebeten habe, wurde ich eigentlich nie enttäuscht." Assia starb am 24. März 2018 im Alter von 94 Jahren.