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Viel mehr als "Schalke 05": Radio- und TV-Pionierin feiert ihren 80. Geburtstag


Autor: Stefan Weber

, Mittwoch, 06. Mai 2026

Ein Versprecher machte sie berühmt - und wurde zum Mythos. Doch Carmen Thomas war weit mehr als "Schalke 05": Als Pionierin des Mitmach-Radios und erste Frau im "Sportstudio" schrieb sie Mediengeschichte.


Es war ein Versprecher, der zur Legende wurde - aber eine Karriere fast dahinter verschwinden ließ. Als Carmen Thomas 1973 im "Aktuellen Sportstudio" "Schalke 05" statt "Schalke 04" sagte, begann eine Geschichte, die sich hartnäckig hält. Eine Geschichte von Häme, Mythen und Missverständnissen. Und eine, die bis heute überdeckt, was diese Frau als Radio- und TV-Pionierin tatsächlich geleistet hat. Am 7. Mai wird Carmen Thomas 80 Jahre alt.

Ihre Karriere startete die gebürtige Düsseldorferin früher als die meisten ihrer Kollegen: 1968, mitten im Germanistik- und Anglistikstudium, steht die 21-Jährige erstmals live vor dem Mikrofon des "WDR-Morgenmagazins". Zwei Monate später moderiert sie die Sendung bereits selbst. Es ist der Start einer Laufbahn, die von Premieren geprägt war - in einer Branche, die Frauen lange systematisch ausschließt.

Pionierin in Fernsehen und Radio

Thomas wird zur ersten TV-Reporterin des WDR nach zehn Jahren Frauenverbot, zur ersten Moderatorin des "Tages-Magazins", dem Vorläufer der "Tagesthemen", und zur ersten deutschen Reporterin mit Jahresvertrag bei der BBC. Schließlich betritt sie Neuland im Sportfernsehen: Als erste Frau moderiert sie eine Sportsendung im deutschen Fernsehen. Ein Schritt, der Aufmerksamkeit garantiert - und Widerstand provoziert.

Schon vor ihrer zweiten Sendung erscheint ein Verriss, der die Richtung vorgibt. Dass sie direkt nach ihrem "Schalke 05"-Versprecher gefeuert wurde oder dass es Massen von Zuschauerprotesten gehagelt hätte, ist ein falscher Mythos, über den Thomas 2023 im teleschau-Interview sprach: "Wahr ist vielmehr, dass die 'Bild'-Zeitung das 'Schalke 05' erst 18 Tage nach dem Versprecher auf 'Seite 1' getitelt und dazu die Legende vom Moderations-Ende - also bereits nach der fünften Sendung - frei erfunden hat. Diese Lüge verursachte das Märchen, das viele Zeitungen übernahmen."

Tatsächlich moderiert sie noch eineinhalb Jahre weiter, insgesamt 15 Sendungen. Das "Sportstudio"-Ende war selbst gewählt. 1974 entwickelte Thomas mit 28 Jahren "Hallo Ü-Wagen", eine Sendung, die das Radio veränderte. Drei Stunden live, jede Woche, über 20 Jahre hinweg. Bürgerinnen und Bürger diskutieren mit, bringen Themen ein, widersprechen, argumentieren. "Der Weg: statt zu fragen, was ich hören wollte, lernen zu hören, was das Gegenüber zu sagen hat", beschreibt sie ihr Prinzip. "Eine erkennbar bessere und achtsamere Art, zu interviewen."

Fast 1.000 Sendungen entstehen, 942 Mal ist der Ü-Wagen vor Ort. Millionen beteiligen sich - direkt oder per Zuschrift. Es ist eine frühe Form von Dialogjournalismus, lange bevor der Begriff existiert. Thomas strukturiert, moderiert, vermittelt - und gibt dem Publikum eine Stimme.

Thomas: "Lust, immer wieder Neues zu entdecken"

Obwohl sie nicht mehr im Fernsehen arbeitet, bleibt sie sichtbar: Als das Wirtschaftsmagazin "Forbes" 1990 erstmals die 100 einflussreichsten Frauen Deutschlands ermittelt, belegt sie Platz 91. Parallel baut sie sich ein zweites Profil auf: als Autorin und Kommunikationsexpertin. 14 Bücher veröffentlicht sie, oft zu ungewöhnlichen Themen, ihr Buch "Ein ganz besonderer Saft - Urin" von 1993 etwa wird zum unerwarteten Bestseller.

Seit den 1970er-Jahren erforscht Thomas zudem Kommunikationsprozesse: Sie gründet früh eine Selbsthilfegruppe zur systematischen Selbstentwicklung, coacht seit 1980 Führungskräfte, seit 2001 leitet sie die von ihr gegründete ModerationsAkademie für Medien und Wirtschaft. Und das bis heute: "Es ist mir eine Lust, immer wieder Neues zu entdecken", erklärte sie im teleschau-Interview. "Dieser Wesenszug ist bei mir immer noch genauso stark ausgeprägt wie vor 50 Jahren."

Trotz dieser Karriere wird Thomas bis heute oft auf "Schalke 05" reduziert, sie selbst sieht das gelassen. "Mit Sicherheit" habe ihr der Versprecher mehr genutzt als geschadet: "Eine der besonders nachhaltigen Erkenntnisse steckt darin, dass das Wort "Fehler" im Anagramm, also gescrabbelt, stets zugleich 'Helfer' ergibt und sich 'Schatzsuche statt Fehlerfahndung' echt lohnt."

Bei aller Offenheit spricht Thomas lieber nicht über ihr Privatleben, selbst in ihrem Wikipedia-Artikel ist nichts über ihre Familie zu lesen. Das sei auch gut, sagte sie im teleschau-Interview, und nicht grundlos so: "Als ich das 'Sportstudio' und auch 'Hallo Ü-Wagen' moderierte, gab es immer wieder mal privat unangenehme Szenarien. Aber Ihnen verrate ich jetzt mal: Ich habe eine wunderbare Tochter, einen super Schwiegersohn und zwei ganz bezaubernde Enkel."

Quelle: teleschau – der mediendienst