9/11-Trauerhymne: Was macht eigentlich "Only Time"-Sängerin Enya?
Autor: Stefan Weber
, Donnerstag, 10. Sept. 2026
Sie schrieb mit "Only Time" die inoffizielle Trauerhymne zum 11. September - danach verschwand Enya fast völlig aus der Öffentlichkeit. Letztes Jahr gab es jedoch ein Lebenszeichen der irischen Musikerin.
Ein sanfter Klaviereinstieg, mehrstimmiger Gesang, dann die Zeile: "Who can say where the road goes, where the day flows, only time." 25 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist "Only Time" von Enya noch immer untrennbar mit jenem Tag verbunden - mit den brennenden Zwillingstürmen, mit Trauer und mit einem kollektiven Bedürfnis nach Trost. Die Frau hinter dem Song aber bleibt bis heute ein Rätsel.
"Only Time" erscheint zunächst als erste Single aus Enyas Album "A Day Without Rain" - und floppt. Auch der Einsatz als Soundtrack der Kinoromanze "Sweet November" mit Keanu Reeves und Charlize Theron verhilft dem Lied nicht zum Durchbruch. Erste Achtungserfolge bringt der Sommer 2001: Unter anderem NBC nutzt den Song als Cliffhanger für seine Kult-Sitcom "Friends".
Enya wollte mit "Only Time" "auf gar keinen Fall Geld verdienen"
Dann verändert der 11. September alles. Stunden nach den Anschlägen unterlegt der New Yorker Finanzmakler Steve Golding eine selbstgeschnittene Videocollage mit Bildern der Opfer mit "Only Time" - CNN greift den Clip auf, andere Sender folgen. Enya, zunächst skeptisch, stimmt schließlich einer offiziellen CNN-Version zu: "Ich war erschüttert, wie glaube ich jeder damals", sagte sie einst in einem Interview mit dem SWR. "Als ich hörte, dass 'Only Time' kurz nach den Anschlägen zu einer Art Hymne wurde, wusste ich auch warum."
Sie und ihre Plattenfirma veröffentlichen den Song neu, sämtliche Einnahmen gehen bis heute an einen Fonds für die Opfer des 11. September. "Ich wollte auf gar keinen Fall auch nur einen Dollar mit dem Song verdienen", stellte Enya klar. 32 Wochen hält sich der Titel in den US-Charts, in Deutschland wird er zum Nummer-eins-Hit.
"Only Time" war bereits Enyas zweiter Welthit
Es ist nicht ihr erster großer Hit - und ihre Karriere kommt nicht von ungefähr: Geboren wird Eithne Ní Bhraonáin in eine große Musikerfamilie im irischen Gweedore, County Donegal. 1980 tritt sie der Familienband Clannad bei, verlässt sie aber zwei Jahre später wieder und zieht zum Produzenten Nicky Ryan und dessen Frau Roma - fortan arbeitet das Trio jahrzehntelang in fast völliger Abgeschiedenheit an Songs, die mitunter aus über hundert übereinandergelegten Gesangsspuren bestehen. 1988 macht sie die Single "Orinoco Flow" aus dem Album "Watermark" über Nacht berühmt; das Album verkauft sich elf Millionen Mal.
Bis heute hat Enya mehr als 75 Millionen Alben abgesetzt, vier Grammys gewonnen und für ihren Beitrag zum "Herr der Ringe"-Soundtrack eine Oscar-Nominierung erhalten. Auch jüngere Generationen kennen ihre Musik: 2022 samplen Metro Boomin und The Weeknd für ihren Hit "Creepin'" Enyas Summtitel "Boadicea" von 1987 - Berichten zufolge gab sie das Sample nicht nur frei, sondern half sogar bei der Wahl des Songtitels mit.
Enya ist eine "Einsiedlerin"
Ihr letztes Album "Dark Island Days" erschien 2015, zwei Jahre später zeigte sie sich das letzte Mal öffentlich. Eine Frau für große Auftritte ohne Tourneen war sie aber auch zuvor nie gewesen. Enya lebt zurückgezogen in ihrem 1997 für 2,5 Millionen Pfund gekauften Schloss Manderley bei Dublin, gesichert mit Toren und Überwachungskameras. Gesellschaft leisten ihr zeitweise bis zu zwölf Katzen sowie das Ehepaar Ryan, mit dem sie weiterhin musikalisch zusammenarbeitet. Ihr eigener Onkel gibt zu, sie kaum zu sehen: "Sie lebt wie eine Königin. Sie ist eine Einsiedlerin", sagte er in einem Bericht des "Irish Mirror".