Sieg für «Fjord»: Cannes endet mit Plädoyer für Toleranz
Autor: Sabrina Szameitat, dpa
, Sonntag, 24. Mai 2026
Das Filmfest in Cannes feiert Empathie im Kino: Cristian Mungiu gewinnt mit seinem vielschichtigen Drama «Fjord» die Goldene Palme. Auch die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach holt einen Preis.
Toleranz zeigen, andere Perspektiven aushalten: Mit der Goldenen Palme für das Drama «Fjord» haben die Filmfestspiele in Cannes zum Abschluss ein Zeichen für Empathie und Vielfalt gesetzt. Der Film des Rumänen Cristian Mungiu überzeugte nicht nur künstlerisch, sondern auch mit einer gesellschaftlich relevanten Botschaft.
«Die diesjährige Goldene Palme wurde ausgewählt, weil sie genau dieses Thema – das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt – auf künstlerisch großartige Weise beleuchtet», sagte Jurypräsident Park Chan-wook bei der Abschlussgala.
Darum geht es in «Fjord»
Mungiu erzählt in seinem moralisch vielschichtigen Drama mit dem rumänisch-amerikanischen Schauspieler Sebastian Stan («The Apprentice») und der Norwegerin Renate Reinsve («Sentimental Value») von Familie, Erziehung und kulturellen Konflikten. Sie spielen ein streng religiöses rumänisch-norwegisches Ehepaar, das mit seinen fünf Kindern in ein ruhiges norwegisches Dorf zieht.
Als Lehrer bei ihrer Tochter Verletzungen entdecken, geraten die Eltern unter Verdacht, sie geschlagen zu haben. Die norwegischen Behörden trennen sie vorübergehend von ihren Kindern – auch von dem Säugling – und es dauert nicht lange, bis der Konflikt vor Gericht ausgetragen wird. Dort wird nach und nach alles gegen das Paar verwendet: der Erziehungsstil mit Bibelstunden und ihre religiösen Werte zum Beispiel.
Ein Film, der keine einfachen Antworten liefert
Mungiu, der zum zweiten Mal eine Goldene Palme gewann, lässt mit seiner nüchternen Inszenierung verschiedene moralische Perspektiven aufeinanderprallen. Er will bewusst keine einfachen Antworten liefern, sondern fordert den Zuschauer heraus, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen – und andere wenigstens zu respektieren, selbst wenn sie nicht mit den eigenen Werten übereinstimmen.
«Mein Eindruck ist, dass die Gesellschaft heute gespalten, zersplittert und radikalisiert ist, und wenn man so will, ist dieser Film ein Bekenntnis gegen jede Art von Fundamentalismus», sagte Mungiu in seiner Dankesrede. Es sei ein Bekenntnis zu den Dingen, die oft zitiert werden, wie Toleranz, Inklusion und Empathie. «Das sind schöne Worte, und wir in Europa sind an schöne Worte gewöhnt, aber wir müssen sie öfter in die Tat umsetzen.»
Regisseur Pawlikowski: Kino muss Widerstand leisten
Gewissermaßen griffen auch die Worte des polnischen Filmemachers Pawel Pawlikowski die Botschaft von «Fjord» auf. Er teilte sich den Preis für die beste Regie mit den Spaniern Javier Calvo und Javier Ambrossi, die für ihr Drama «The Black Ball» («La bola negra») ausgezeichnet wurden.