Rückkehr des verrückten Königs - Sloterdijk analysiert Trump
Autor: Christoph Driessen, dpa
, Montag, 11. Mai 2026
Trump macht auf Jesus und Triumphbogenbauer - dafür gibt es Vorbilder, sagt Peter Sloterdijk. Der deutsche Philosoph interpretiert den US-Präsidenten neu - und warnt vor jemand noch Schlimmerem.
Zahllose Trump-Erklärer haben sich schon an dem Mann im Weißen Haus abgearbeitet. Nun entwickelt Deutschlands bekanntester Philosoph einen neuen Ansatz: In seinem kürzlich erschienenen Buch «Der Fürst und seine Erben» zieht Peter Sloterdijk die klassische Studie «Der Fürst» von Niccolò Machiavelli zurate. Dieses vielleicht erste Werk der modernen politischen Philosophie liest Sloterdijk (78) nicht als historisches Zeugnis einer lang vergangenen Epoche, sondern als Analyse der Gegenwartspolitik.
Machiavelli wandelte von 1469 bis 1527 auf dieser Erde einher, nächstes Jahr wird seines 500. Todestags gedacht. Ein halbes Jahrtausend liegt also zwischen ihm und den heute Lebenden. «Dennoch haben wir immer noch das Gefühl, von ihm angesprochen zu werden», sagt Sloterdijk der Deutschen Presse-Agentur. Bekannt ist der italienische Denker und Diplomat heute in erster Linie für das Attribut «machiavellistisch»: Darunter versteht man gemeinhin eine Politik, für die Erfolg wichtiger ist als Moral.
Machiavelli akzeptierte Täuschung und Gewalt als politisches Mittel - aber er pries auch Bürgerfreiheit und eine republikanische Staatsordnung. Seine Wirkungsstätte Florenz etwa war kein Fürstentum, sondern eine Stadtrepublik mit gewählten Ämtern.
«Machiavelli nahm dadurch bereits die moderne Turbulenz wahr, die dadurch entsteht, dass der Platz an der Spitze umkämpft ist», analysiert Sloterdijk. In seinem bahnbrechenden Werk «Der Fürst» - im Original «Il Principe» - sinnierte Machiavelli darüber, wie ein Staat unter realen Bedingungen stabil bleiben kann.
Machiavellis Fürsten haben die Macht zurückerobert
Heute geht der Trend wieder eher in Richtung Neu-Fürstentum. «Die Fürsten sind vielerorts wieder da, manche schon an der Macht», konstatiert Sloterdijk. Es ist ein Phänomen, das schon vielfach beschrieben wurde: Wählerinnen und Wähler sind der Koalitionen und Kompromisse überdrüssig, fordern effizientes Durchregieren ein und projizieren dies auf einen «starken Mann» an der Spitze. Der soll nicht mehr um Erlaubnis fragen müssen, weder beim Parlament noch bei Gerichten. Als Konsequenz daraus ist die liberale Demokratie vielerorts unter Druck oder auf dem Rückzug.
In den USA ist nach Einschätzung Sloterdijks schon seit langem ein «Staatsstreich in Zeitlupe» im Gang, eine langsame Aushöhlung der 250 Jahre alten Republik von innen. «Man muss diesen Prozess im Zeitraffer betrachten, um ihn überhaupt wahrzunehmen.» Der Bundesstaat entmachte Schritt für Schritt die Einzelstaaten. Mittlerweile hätten sich die USA in eine «nur noch demokratisch camouflierte Autokratie» verwandelt, lautet die vernichtende Bilanz des Autors, der vieldiskutierte Werke wie «Kritik der zynischen Vernunft» (1983) schrieb. «Wenn man sich diese Entwicklung vergegenwärtigt, ist es nicht mehr so ganz verwunderlich, dass eine Figur wie Trump nach oben kommt.»
Was hat Trump mit dem bayerischen Märchenkönig gemeinsam?
Sloterdijk beschreibt den Neu-Fürsten Trump als «Beinahe-Analphabeten an der Spitze einer Weltmacht», aber auch als «mad man» und Neuauflage des «verrückten Königs».