Politisches Kino siegt bei Berlinale - Hauptpreis für Çatak
Autor: Julia Kilian, Lisa Forster, Sabrina Szameitat, Peter Claus, Ursula Winkler, dpa
, Sonntag, 22. Februar 2026
Selten wurde bei der Berlinale so heftig darum gerungen, wie politisch Kunst sein muss. Eine Debatte, die sich auch auf die Preisverleihung auswirkt. Samt einem Minister, der den Saal verlässt.
Diese Momente liefern die Antwort darauf, wie politisch die Berlinale denn nun eigentlich ist. Da steht İlker Çatak auf der Bühne und nimmt den Goldenen Bären für sein Politdrama «Gelbe Briefe» entgegen. Da ist die Rede eines Regisseurs zum Gaza-Krieg, die dazu führt, dass Umweltminister Carsten Schneider den Saal verlässt. Und da sind eine Festivalchefin und ein Jurypräsident, die versuchen, mehr Zwischentöne in eine aufgeheizte Debatte zu bringen.
Die Berlinale endet mit einer Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und politischer Polarisierung. Und mit Auszeichnungen für Filme, die Politik anders interpretieren als mit kurzen Statements.
Das gilt insbesondere für den Preisträger «Gelbe Briefe». Erstmals seit 22 Jahren und Fatih Akins «Gegen die Wand» holt ein deutscher Regisseur wieder die Trophäe für den besten Film. Çatak («Das Lehrerzimmer») erzählt von einem türkischen Paar, das wegen seiner politischen Meinung unter Druck gesetzt wird und sich fragen muss, wie weit es für seine Überzeugungen gehen will.
Der Film zeigt auf drastische Weise, was passieren kann, wenn sich der Raum für politische Diskussionen verengt oder gar schließt. Man könne ihn als furchtbare Vorahnung verstehen, «als einen Blick in die nahe Zukunft, die möglicherweise auch in unseren Ländern passieren könnte», sagt Jurychef Wim Wenders. Der Film gehe allen unter die Haut, die in ihrem Land oder in ihrer Nachbarschaft die Zeichen von Willkürherrschaft sähen.
Dass die Jury den Hauptpreis an das Politdrama vergibt, kann man auch als Zeichen verstehen. Selten wurde bei der Berlinale so heftig darum gerungen, wie politische Diskurse geführt werden sollen. Und das nicht nur während des Festivals – sondern auch bei der Abschlussgala.
Palästinensischer Regisseur kritisiert Bundesregierung
Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib gewinnt mit «Chronicles From the Siege» den Preis für das beste Spielfilmdebüt und verbindet seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gaza-Krieg. «Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war», sagt der Filmemacher, der eine palästinensische Flagge mitbringt.
Der deutschen Regierung wirft Alkhatib vor, sie sei faktisch Partner «des Völkermords im Gazastreifen». Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen Völkermord zu begehen – das ist auch die Position der deutschen Regierung – und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff islamistischer Extremisten auf den jüdischen Staat am 7. Oktober 2023.