Was bitte sehr ist Dwerken?
Bei Männern hat sich in den vergangenen Jahren außerdem - in Social-Media-Zeiten geradezu ironisch - ein weiterer Trend bezüglich des Gemächts entwickelt. Auch Superstar Bad Bunny frönt ihm: Es geht um das sogenannte Dwerken.
Das Wort ist eine Schöpfung aus «dick» (englisch für: Schwanz) und Twerken. Twerking ist der Tanzstil, der in gebeugter Haltung durch isolierte Hüftbewegungen den Po zum Vibrieren bringt. Dwerking ist entsprechend das Vor- und Zurückbewegen, um den Penis zum Schwingen zu bringen.
Jay-Z hat eine Erklärung parat
Doch zurück zum einfachen Griff in den Schritt, dem «Crotch Grab»: «Ich habe dafür eine super Erklärung», sagte der Rapper und Musikproduzent Jay-Z bereits vor mehr als 15 Jahren in der NPR-Radiotalkshow «Fresh Air», als er gefragt wurde, warum sich Musik-Stars an die Genitalien griffen. Das Musikbusiness spüle oft unerfahrene Männer nach oben, sagte Jay-Z. «Und dann schickt man diese Person, die noch nie vor vielen Leuten stand, auf die Bühne.»
So jemand habe also keinerlei Erfahrung, vor Publikum aufzutreten, sagte Jay-Z im Gespräch mit der Moderatorin Terry Gross. «Wenn man dann da oben steht, fühlt man sich nackt, richtig? Und was macht man als Erstes, wenn man sich nackt fühlt? Man bedeckt sich. Diese Angeberei ist also ein Akt der Nervosität.»
Nicht das genaue Gegenteil, fragte Gross ungläubig? «Genau das wollen sie, genau das wollen wir euch glauben lassen», antwortete Jay-Z lachend.
Michael Jackson: «Habe ich das wirklich getan?»
Der King of Pop, Michael Jackson, gab einst eine eher schüchterne Antwort auf die Crotch-Grab-Frage. Im legendären ABC-Interview von Oprah Winfrey 1993 giggelte Jackson peinlich berührt: «Warum greife ich mir in den Schritt? Ich glaube, das passiert unbewusst.» Wenn man tanze, interpretiere man die Musik. Dann werde man selbst zu dem Gefühl, das der Sound vermittle.
Und weiter sagte Jackson, damals 34 Jahre alt: «Wenn ich also eine Bewegung mache und plötzlich – bam! – mich selbst anfasse, dann ist es die Musik, die mich dazu bringt. Es ist nicht so, dass ich unbedingt da unten hingreifen muss, und es ist auch nicht gerade die beste Stelle. Man denkt nicht darüber nach, es passiert einfach. Manchmal sehe ich mir die Aufnahmen später an und denke: "Habe ich das wirklich getan?" Ich bin also ein Sklave des Rhythmus.»
Der (kleine) Unterschied zwischen Performance und Alltagsgeste
Der Kulturwissenschaftler Moritz Ege von der Universität Zürich sieht die Geste nicht ganz so unschuldig. «Also bei Bad Bunny ist es schon sexualisiert, finde ich. Es hat aber gleichzeitig, wie so vieles bei ihm, etwas Beiläufiges. Er hat ja eine Persona geschaffen, die meist ungerührt auftritt.»
Der Griff in den Schritt vermittle etwas Mackeriges, sagt Ege. Es gebe aber einen Unterschied zwischen Bühnenperformance und Alltagsgeste, sagt der Professor für Populäre Kulturen und Empirische Kulturwissenschaft. Wobei der vielleicht gar nicht so groß sei.
«Eine Mackergeste mit absichtlicher Sprengkraft»
«Bei Bad Bunny hat das Ganze auch immer eine politische Dimension. In der Superbowl-Halbzeitpause war das eine Art Selbstbehauptung von Latino-Maskulinität oder einfach auch nur prolliger Männlichkeit in der konservativen Umgebung der Trump-USA», sagt der Kulturwissenschaftler. «Es geht da vielleicht auch um ein Spiel mit dem gesellschaftlichen Unwohlsein angesichts offensiv sexuell konnotierten Verhaltens. Eine Mackergeste mit absichtlicher Sprengkraft.»
Andererseits, das gibt auch Ege zu, ist das Zurechtruckeln nicht immer etwas Provokantes und Dominantes, das den Genitalbereich betonen und einen Machtanspruch zeigen soll.
Heißt also: Manche berühren sich da auch nur selbst, weil es juckt, ziept oder das Skrotum in eine unangenehme Position geraten ist. Der Schrittgriff gehört dann zum sogenannten Fidgeting, ähnlich wie das Spielen mit den Haaren oder Wippen mit dem Bein: In einer komplexen, anstrengenden Welt kann der «Crotch Grab» ganz simpel ein nervöses Herumspielen zum Stressabbau und zur Selbstberuhigung sein.