Nur Rom und Athen? Demokratie hat breitere Wurzeln
Autor: Christoph Driessen, dpa
, Donnerstag, 26. März 2026
Dass die Demokratie von den alten Griechen erfunden wurde, lernt man in der Schule. Jetzt sagen Forscher: Das ist eine sehr eurozentrische Sicht - es gibt Ursprünge rund um die Welt.
Die Akropolis mit dem Parthenon hoch über Athen gilt als bekanntestes Symbol für die antiken Ursprünge der Demokratie. Auch das Wort wurde hier erfunden, zusammengesetzt aus «demos» (Volk) und «kratos» (Macht). Später herrschte der Senat über die römische Republik, abgeleitet von «res publica», die öffentliche Sache.
«Unter Archäologen ist die Vorstellung tief verankert, dass Athen und die römische Republik die einzigen beiden Demokratien in der antiken Welt gewesen seien», sagt der US-Archäologe Gary Feinman vom Field Museum in Chicago. Eine umfangreiche Studie unter seiner Leitung zeige nun aber, dass dies eine völlig einseitige, eurozentrische Sicht sei. Demnach hat die Demokratie viel breitere Wurzeln.
Für die Studie, die jetzt im Fachmagazin «Science Advances» veröffentlicht wurde, untersuchte das Forscherteam 31 verschiedene prähistorische und antike Gesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien. Die wenigsten dieser Gesellschaften haben schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen. Wer heute noch etwas über sie erfahren will, muss deshalb vor allem archäologisch arbeiten.
Antike Gesellschaften im Autokratie-Index
Feinman und seine Kolleginnen und Kollegen leiten ihre Schlussfolgerungen unter anderem vom Aufbau antiker Siedlungen und Städte ab. «Wenn man städtische Gebiete mit großen offenen Flächen findet oder öffentliche Gebäude mit weitläufigen Bereichen, in denen Menschen zusammenkommen und Informationen austauschen können, dann sind diese Gesellschaften tendenziell demokratischer», glaubt Feinman. «Wenn man Pyramiden mit sehr kleinen Räumen an der Spitze sieht oder Stadtpläne, bei denen alle Straßen zur Residenz des Herrschers führen, dann sind das alles Hinweise auf eher autokratische Systeme.»
Weitere Indizien für die Wissenschaftler waren Gebäude, Inschriften und Hinweise auf wirtschaftliche Ungleichheit. Auf dieser Grundlage entwickelte das Team einen «Autokratie-Index» und ordnete darauf alle untersuchten Gesellschaften ein – von stark autokratisch bis stark kollektiv organisiert. Das Ergebnis: «Unsere Forschung zeigt, dass viele Gesellschaften auf der ganzen Welt Wege entwickelt haben, die Macht von Herrschern zu begrenzen und gewöhnlichen Menschen eine Stimme zu geben.»
Dazu gehörte demnach das indigene Volk der Irokesen in Nordamerika, die sich in Stammesräten und einem übergeordneten Bundesrat organisierten. Die Irokesen sind bekannt dafür, dass in ihrer Gesellschaft Frauen eine starke Stellung hatten, indem sie zum Beispiel Anführer ernennen, aber auch wieder absetzen konnten. Entscheidungen mussten oft im Konsens getroffen werden.
Als weiteres Beispiel nennen die Forscher die mexikanische Ruinenstadt Teotihuacan. Da hier keine eindeutigen Herrscherdarstellungen gefunden wurden, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass diese Gesellschaft im ersten Jahrtausend nach Christus nicht von einem König, sondern von einer breiteren Elite geführt wurde.