Großes Schwimmbad statt Herrscherpalast
Eines der interessantesten Beispiele ist Mohenjo-Daro am Unterlauf des Indus im heutigen Pakistan, die größte erhaltene Stadt aus der Bronzezeit und Unesco-Weltkulturerbe. Es gilt als das Hauptzentrum einer frühen Hochkultur im dritten Jahrtausend vor Christus. Diese Ausgrabungsstätte verfügt über keine der üblichen Herrschaftsstrukturen wie Paläste oder Tempel. Stattdessen steht eine Badeanlage im Zentrum. Die Häuser unterscheiden sich zwar in ihrer Größe, aber nicht sehr, und viele von ihnen hatten Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen.
Die Studie zeigt demnach auch, dass Gesellschaften mit inklusiveren politischen Systemen meist geringere wirtschaftliche Ungleichheit aufwiesen. Die Forscher halten das für besonders relevant, «weil wir heute eine Konzentration von Reichtum und Macht bei einer sehr kleinen Anzahl von Individuen erleben».
Ein besseres Verständnis der Kennzeichen von Autokratie und Demokratie könne helfen, aktuelle Bedrohungen zu erkennen und aufkommende totalitäre Regime vielleicht noch rechtzeitig zu bremsen. «Heute, da sich viele moderne Demokratien auf schwankendem Boden befinden, ist es wichtiger denn je, die Wurzeln (…) demokratischer Regierungsinstitutionen zu verstehen.»
Damit schlagen die US-Historiker den Bogen zur Gegenwart, in der liberale Demokratien vielfach bedroht sind, nicht zuletzt in ihrem eigenen Land. Aber sind ihre Schlussfolgerungen wirklich überzeugend?
Dorothea Rohde ist eine renommierte Althistorikerin an der Universität zu Köln, ihre Spezialgebiete sind das klassische Athen und das kaiserzeitliche Rom. Rohde hält es für einen guten Ansatz, die Antike stärker durch eine sozialwissenschaftliche Brille zu betrachten und eine globale Perspektive einzunehmen. «Das ist im Moment auch ein ziemlich starker Trend, besonders in den USA – genauso wie die Suche nach den Ursprüngen der Demokratie.»
Sagt die Studie wirklich etwas über früher - oder eher über heute?
Dies geschehe aus dem lobenswerten Impuls heraus, die heutigen Demokratien stark zu machen. «Mein Problem mit der Studie ist, dass das Ergebnis letztlich recht banal ist», so Rohde. «Denn dass die Demokratie keine rein westliche Erfindung ist, bestreitet heute niemand mehr.»
Wobei man hier einschränken müsse, dass es eher um partizipative Gemeinschaften gehe als um Demokratien im modernen Sinne. «Die römische Republik als demokratisch zu bezeichnen, so wie das hier geschieht, halte ich zum Beispiel für ganz schön gewagt. Das war eine Aristokratie, eine Oligarchie. Und ebenso wenig würde man heute noch so pauschal sagen, dass Athen die Wiege der Demokratie war.»
Vielmehr habe es überall auf der Welt und zu allen Zeiten auch Gesellschaften gegeben, in denen nicht nur ein einzelner Herrscher alles diktatorisch bestimmt habe, sondern sich die Macht auf eine größere Gruppe von Menschen verteilte. «Das ist aber eben absolut nichts Neues.» Die Angaben zu den vielen anderen prähistorischen und antiken Gemeinschaften, die in der Studie genannt werden, hält Rohde teils für sehr hypothetisch und schwer überprüfbar. «Es ist eben meist nicht viel Gesichertes darüber bekannt, und dann ist es schon problematisch, so weitgehende Folgerungen zu ziehen und antike Gesellschaften auf einem Index einzuordnen. Wie will man zum Beispiel Ungleichheit in der Antike messen? Das ist unglaublich schwierig.»
So sympathisch Rohde den Ansatz der Forscher auch findet: «Ich glaube, ihre Studie sagt letztlich vor allem etwas über ihre eigene Angst um das Fortbestehen der Demokratie aus. Und das ist natürlich derzeit sehr nachvollziehbar.»