Marina Abramović: Sexuelle Befreiung kam mit dem Alter
Autor: dpa
, Dienstag, 14. April 2026
Performancekünstlerin Marina Abramović zeigt eine neue Ausstellung in Berlin. Hier erzählt sie, warum man sich unbedingt verlieben sollte - und weshalb sie auf keinen Fall wieder jung sein will.
Performancekünstlerin Marina Abramović will Frauen ermutigen, ihre sexuelle Lust auch im Alter zu leben. «Ich werde in diesem Jahr 80, und alle sagen, dass Frauen diese Gefühle schon mit der Menopause nicht mehr haben. Und ich möchte zeigen, dass das Unsinn ist», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Es stimme nicht.
Für sie gehe es auch darum, Lebendigkeit und Leichtigkeit in sich zu finden. Frauen gingen so viele Kompromisse für Männer und ihre Familien ein, so viele Kompromisse bei der Frage, «was wir wirklich tun wollen», sagte Abramović. Sie wolle Frauen zeigen, «dass wir die Amazonen sind».
«Wenn ich es tun kann, kannst du es auch», sagte Abramović, die mit ihrer Kunst weltbekannt wurde. Sie saß zum Beispiel im New Yorker MoMa Hunderte Stunden schweigend auf einem Stuhl und schaute Besuchern in die Augen. In Berlin zeigt sie nun eine neue Ausstellung - nach Angaben des Gropius Baus ist es die erste große Einzelausstellung in der Stadt seit den 1990ern. Vor der Eröffnung war eine lange Schlange vor dem Gebäude zu sehen.
Wie es ihr mit bald 80 geht
Angereist aus den USA ist sie nicht. Sie habe Probleme mit dem Blutdruck und lasse es langsamer angehen, sagte die 79-Jährige in einem Videotelefonat. Wenn sie selbst bei einer Vernissage auftauche, bekomme sie außerdem die ganze Aufmerksamkeit. «Alle wollen mit mir reden, Selfies machen, und dann sehen die Leute die eigentliche Ausstellung gar nicht.»
Die Ausstellung «Balkan Erotic Epic» setzt sich mit Erotik, Kommunismus, Heidentum und der Folklore des Balkans auseinander. Abramović greift dabei alte Rituale auf. In einem Ritual etwa hätten Frauen zur Rettung der Ernte den Göttern ihre Vagina entgegengestreckt, um sie einzuschüchtern und den Regen zu stoppen, erzählte Abramović.
Die Ausstellung zeigt neue und alte Werke von ihr. Man sieht zum Beispiel, wie sie sich in einer früheren Performance einen Stern in den Bauch ritzte oder sich in eine brennende Installation legte, bis sie bewusstlos wurde. In ihren Arbeiten geht es auch um sexuelle Energie als Lebensenergie und um das Sterben, die politische Dimension des Körpers und die Jugoslawienkriege.
Sie habe lange gebraucht, um genug emotionalen Abstand zum Balkan zu bekommen, um das Projekt umzusetzen. «Man braucht die Weisheit des Alters», sagte Abramović, die in Belgrad geboren wurde und ihre Heimat später verließ. Wenn man jung sei, stecke man im Chaos und könne nicht klar sehen. Für sie ist der Werkzyklus der wichtigste und persönlichste ihrer Karriere.