«Auf diesen Ausbruch von Freude war ich absolut nicht vorbereitet»
Wer auf viele intime Bandmomente hofft, wird vermutlich enttäuscht. Die wenigen Blicke hinter die Kulissen sind aber spannend. Wir sehen Noel, der darauf wartet, dass sein Bruder endlich zur ersten Probe erscheint. Dann kommt er, und ohne große Gesten oder auch nur eine wirkliche Begrüßung geht's los. Das Kommunizieren klappt noch nicht so – das Musizieren aber sofort wunderbar.
Wir sehen die Söhne der beiden, die sich backstage bei den Konzerten anfreunden. Wir sehen auch, wie Noel angespannt vor dem ersten Konzert in Cardiff auf Liam wartet. Er kommt erst kurz, bevor es losgeht. Dann nimmt er die Hand seines Bruders, sie gehen auf die Bühne und die Band stimmt den Song «Hello» an. Die beiden sind sichtbar angespannt. Man hört die Musik aber ohnehin kaum angesichts des Jubels im Stadion.
«Auf diesen wahnsinnigen Ausbruch von Freude war ich absolut nicht vorbereitet», sagt Noel. Liam klingt wie gewohnt etwas eigenwilliger. Er singe sonst eigentlich nie, sagt er. Das fühle sich an, wie Dämonen herauszulassen. Es sei auch nicht so, dass sie irgendwelche Superhelden seien.
Liam warf eine Pflaume nach Noel
Was löste eigentlich die Funkstille zwischen den beiden Brüdern aus? Der finale Streit eskalierte früheren Erzählungen von Noel zufolge 2009 backstage in Paris, nachdem die Brüder sich wohl schon lange um verschiedene Dinge gezankt hatten. Liam soll mit einer Pflaume nach Noel geworfen und seine Gitarre zertrümmert haben. Noel verkündete noch am selben Abend das Ende der Band.
Warum die beiden danach so lange keinen Kontakt hatten, bleibt auch nach der Doku offen. Früher sei Liam jedenfalls unberechenbar gewesen, sagt Noel anfangs. «Er hätte sich sogar mit seinen eigenen Zehennägeln gestritten.»
Im Laufe der Tour werden die Umarmungen zwischen den Brüdern jedenfalls ein bisschen inniger. Doch wirklich emotional sind die Musiker in der Doku nie. Das überlassen sie ihren Fans. Einer sagt zum Beispiel über das Comeback: «Es ist wie die Wiedergeburt von Jesus.» Ein anderer sagt: Die Trennung der beiden habe sich angefühlt, als hätte er ein Kind verloren.
Ein Pfarrer baut Oasis in seine Predigt ein
«Die Beziehung entwickelt sich», sagt Drehbuchautor Knight, «während sie auf Tour sind. Ihre Kinder freunden sich an. Es ist wieder eine Familie. Und ich glaube, wir hatten großes Glück, dass es genau so gekommen ist, denn das hatten wir uns erhofft. Von Anfang an wollten wir einen Film über Versöhnung und Erlösung drehen.»
Jeder, der schon mal auf einem großen Konzert einer geliebten Band war, weiß, dass sich das wie eine religiöse Erfahrung anfühlen kann. Mit dieser Überhöhung spielt die Doku, nicht zuletzt, als ein Pfarrer eingespielt wird, der anhand von Oasis über Versöhnung predigt.
Die Band selbst will die Erzählung über sich in neue Bahnen lenken, sagt Noel im Film. Weg von den ewigen Anekdoten über Chaos und Streits, hin zum musikalischen Vermächtnis. Dabei haben sie dieses längst zementiert. Am Wochenende sieht man in Venedig viele Leute mit den für Oasis typischen Fischerhüten herumlaufen. Einige tragen Oasis-Shirts, auf einem steht: «Heirate mich, Noel.»