Die große Elchwanderung: Warum die Schweden «Slow TV» lieben
Autor: Miriam Arndts, dpa
, Donnerstag, 30. April 2026
Jedes Jahr im Frühling sendet das schwedische Fernsehen live und rund um die Uhr von einem Stückchen Natur aus. Manchmal kommen dort Tiere vorbei, oft passiert gar nichts. Die Zuschauer lieben es.
Die Sonne geht auf über den Bäumen, eine Eisscholle treibt über den Fluss, im Wald zwitschern Vögel. Vielleicht stakst ein Elch durchs Bild, vielleicht durchquert er gar den Fluss - vielleicht aber auch nicht. So in etwa sieht ein gewöhnlicher Tag bei der schwedischen Sendung «Die große Elchwanderung» (im Original: «Den stora älgvandringen») aus – und die Schweden lieben es.
Jedes Jahr streamt der öffentlich-rechtliche Sender SVT von Mitte April bis Anfang Mai live und rund um die Uhr von einem Stück Natur aus, ungefähr in der Mitte Schwedens. Rund um das Ufer des Flusses Ångermanälven, den viele Elche auf dem Weg von ihrem Winterquartier zu den Sommerweiden durchschwimmen, sind zahlreiche Kameras aufgebaut, die die Gegend und ihre tierischen Bewohner filmen – neben Elchen leben dort unter anderem Rentiere, Birkhühner, Bären und Luchse.
«Slow TV» vom Feinsten
Es gibt keinen Erzähler, keine Musik, keine Dramaturgie, oft passiert stundenlang nichts. Das ist «Slow TV» vom Feinsten.
Dieses entschleunigte Fernsehen ist in Skandinavien äußerst beliebt. Schon im Jahr 2009 strahlte der norwegische Sender NRK erstmals solch einen eher unspektakulären Fernseh-Marathon aus, nämlich eine siebenstündige Zugfahrt von Bergen nach Oslo. Darauf folgten zahlreiche ähnliche Sendungen, unter anderem die Nonstop-Übertragung einer mehr als 100 Stunden dauernden Schifffahrt auf der berühmten Hurtigruten entlang der norwegischen Westküste.
In Schweden ist die große Elchwanderung eines der Fernseh-Highlights des Jahres. Die Sendung, mittlerweile in ihrer achten Saison, wird millionenfach gestreamt und hat eine riesige Fan-Gemeinde.
In dem zum Stream gehörenden Live-Chat bejubeln die Nutzer jeden Elch, der vor der Kameralinse auftaucht - immerhin ist der große Hirsch in Schweden eine Art inoffizielles Nationalsymbol. Sie tauschen sich über die anderen entdeckten Tiere aus, aber auch beispielsweise über Naturerlebnisse, die sie in der realen Welt gemacht haben. Es gibt außerdem eine riesige Facebook-Gruppe zur Sendung; eine Schar besonders engagierter Fans backt dem Fernsehteam jedes Jahr zum Sendestart Kuchen.
Livestream als Fenster zur Natur
Diese Gemeinschaft unter den Elch-Fans ist nur einer der Erfolgsgründe der Sendung, wie Minh-Xuan Truong von der schwedischen Universität für Landwirtschaft zu SVT sagte. In einem vierjährigen Forschungsprojekt versucht er herauszufinden, wie die Fernsehsendung die Beziehung der Zuschauerinnen und Zuschauer zur Natur prägt.