Abschluss in Cannes: Wer hat Chancen auf die Goldene Palme?
Autor: Sabrina Szameitat, dpa
, Freitag, 22. Mai 2026
Holt «Vaterland» mit Sandra Hüller die Goldene Palme? Oder doch ein Drama um einen russischen Geschäftsmann und seine untreue Frau? In Cannes enden die Filmfestspiele - und es gibt einige Favoriten.
Ein Film mit Sandra Hüller über die Manns und das zerstörte Nachkriegsdeutschland, ein Porträt über die Freundschaft einer Pflegeheimleiterin und einer krebskranken Künstlerin - oder doch ein Drama um den Chef einer russischen Firma und seine untreue Frau? In Cannes entscheidet sich Samstagabend, wer die Goldene Palme gewinnt. Welche Filme sehen Kritiker vorn?
«Vaterland» und eine Sandra Hüller, «die eigentlich alles kann»
Zu einem frühen Favoriten im Wettbewerb gehörte das präzise in Schwarz-Weiß gehaltene Drama «Vaterland» des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski. Er verbindet politische Geschichte mit einer intimen Vater-Tochter-Beziehung zwischen dem berühmten Schriftsteller Thomas Mann (Hanns Zischler) und seiner Tochter Erika (Hüller), die durch das in Trümmern liegende Deutschland im Jahr 1949 reisen.
Pawlikowski ist ein berührendes Porträt über Familie, Trauer, Identität, Exil und Heimat gelungen. Das Magazin «Deadline» sprach von einer «Meisterklasse künstlerischer Disziplin» und lobte die Hauptdarstellerin mit den Worten: «Eigentlich kann Hüller alles.» «Vaterland» ist mit knapp 90 Minuten Spiellänge der kürzeste Film im Wettbewerb.
Ein berührendes Drama über Verbundenheit zweier Frauen
Doch auch der längste Film - «All of a Sudden» des Japaners Ryūsuke Hamaguchi mit mehr als drei Stunden Laufzeit - hat viele Kritiker überzeugt. Das sanfte Drama handelt von der Leiterin einer Pflegeeinrichtung für Senioren (Virginie Efira) in Paris, die eine neue Pflegemethode einführen will und auf Widerstand stößt. Als sie auf eine krebskranke japanische Künstlerin (Tao Okamoto) trifft, entwickelt sich eine tiefe Verbundenheit zwischen den Frauen.
Hamaguchis dialogreicher Film ist von großer Menschlichkeit geprägt, er erzählt die Geschichte mit viel Ruhe und Feingefühl. Das Magazin «Variety» hält den Film nicht nur für eine Erinnerung daran, was Kino sein kann, sondern er sei großartig genug, «um uns daran zu erinnern, was das Leben sein kann». Die beiden Hauptdarstellerinnen, die im Film zwischen Japanisch und Französisch wechseln, sind auch heiße Anwärterinnen auf den Schauspiel-Preis.
Russischer Regisseur überzeugt mit Thriller und politischer Note
Einen bleibenden Eindruck hat der gesellschaftskritische Thriller «Minotaur» von Andrej Swjaginzew hinterlassen, der als einer der renommiertesten und international erfolgreichsten russischen Regisseure gilt. Inspiriert von dem französischen Film «Die untreue Frau» von Claude Chabrol (1969) erzählt «Minotaur» von dem russischen Geschäftsmann Gleb (Dmitri Masurow), der eine Affäre seiner Frau (Iris Lebedewa) aufdeckt.
Doch die Geschichte über Rache und Betrug, die im Jahr 2022 spielt, untermalt Swjaginzew mit der Allgegenwärtigkeit des Angriffskriegs gegen die Ukraine und verleiht dem Film eine politische Note. So setzten die Behörden Gleb unter Druck, eine Liste von Mitarbeitern zu erstellen, die für den Militärdienst an der Front eingezogen werden können.