Es habe Zentralheizung, warmes Wasser aus dem Hahn und ein Badezimmer mit Wanne gegeben. Viele Altbauten seien dagegen in schlechten Zustand gewesen, mussten mit Kohle beheizt werden und hatten nur ein Außenklo. «In der Regel wollte man da nicht einziehen.»
Der meistverbreitete Typ war der WBS 70 (kurz für: Wohnbauserie 70), wie Marotz erklärt. «Die erste WBS-70-Wohnung gab es 1973 in Neubrandenburg.»
In Marzahn-Hellersdorf, einem Ost-Berliner Bezirk am Rande der Stadt, wurde eine WBS-70-Wohnung mit drei Zimmern, Küche, Bad als Mini-Museum im Originalzustand erhalten. Mit grüner Velour-Couch, Blumentapete und blau-weißem DDR-Geschirr scheint die Zeit hier stillzustehen.
Das Interieur dürfte in den meisten Wohnungen heute anders aussehen, die Hochhäuser aber sind geblieben. Nach Angaben der Bezirksverwaltung gilt Marzahn-Hellersdorf als größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Europas. Zu dem Großsiedlungsgebiet gehören demnach etwa 100.000 Wohnungen. Zwei Drittel der Anwohner wohnten in einer Neubausiedlung, heißt es.
In einem dieser Häuser trägt Michael, 59 Jahre alt, seine Einkäufe ins Treppenhaus. Der zehngeschossige Wohnblock mit weiß-grauer Fassade sieht aus wie viele Häuser in der Gegend, doch die Adresse ist eine besondere.
In der Marchwitzastraße entstand 1977 die erste Plattenbauwohnung des heutigen Bezirks. «Das hier ist ein Paradies», erzählt Michael. Es sei sehr ruhig, die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln super.
Zwischen den Wohnblöcken gibt es große Grünflächen. Es wurde luftig gebaut. Dass man zwischen Hochhäusern steht, fällt häufig gar nicht auf. Für die Wohnung habe er sich auf eine Liste der Wohnungsgenossenschaft setzen lassen und zwei Jahre gewartet, sagt der 59-Jährige. Für seine 80-Quadratmeter-Wohnung zahle er 700 Euro. «Der Mietspiegel ist hier ein anderer.»
Mieter Deniz Evrenüz, der ein paar Häuser weiter wohnt, erzählt, er habe eine hübsche Zweizimmerwohnung mit Balkon. Seine Miete werde vom Amt übernommen.
Viele ziehen wegen der günstigen Mieten in die Plattenbausiedlung - oder weil sie sich nichts anderes leisten können. «Heute gehören die peripheren Plattenbausiedlungen zu den ärmeren Vierteln der Stadt», erklärt der Soziologe Matthias Bernt vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung.
Früher sei das ganz anders gewesen. Die soziale Mischung in den Häusern war hoch, so Bernt, der als Privatdozent am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin lehrt und seit mehr als 20 Jahren zu Großwohnsiedlungen in Ostdeutschland forscht. «Da wohnten der Müllfahrer und der Professor Tür an Tür, was man ja heute kaum noch hat.»
Als die Mauer fiel, lebte nach Angaben des Berliner Mietervereins jeder Dritte im Osten in einer Plattenbauwohnung. Mit der Wende habe sich die Situation schlagartig geändert, sagt Bernt. Mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft und der hohen Arbeitslosigkeit seien viele in den Westen gegangen.
Vor allem junge, gut ausgebildete Familien, von denen viele in Plattenbauwohnungen wohnten, seien weggezogen. Gleichzeitig habe die Bundesrepublik viel neu gebaut und die Sanierung von Altbauten wurde subventioniert, wodurch ebenfalls neue Wohnungen entstanden.
«Das hat zu der paradoxen Situation geführt, dass Ostdeutschland Ende der 90er Jahre einerseits massiv an Bevölkerung verlor und andererseits das Wohnungsangebot ausgeweitet wurde», so der Stadtforscher. «Deswegen standen um die Jahrtausendwende in Ostdeutschland geschätzt über eine Million Wohnungen leer.» Etliche Plattenbauten seien abgerissen worden.
In Westdeutschland seien die Siedlungen von vorneherein auf den sozialen Wohnungsbau und Leute mit geringem Einkommen ausgelegt worden. Im Laufe der 2000er Jahre passierte das auch im Osten. Die Siedlungen erlebten laut Bernt einen Abstieg. Viele Wohnungen seien billig an Finanzinvestoren verkauft worden, die verstärkt an «wirklich arme Leute» vermietet hätten. Später seien viele Asylbewerber hinzugekommen. In einigen Plattenbausiedlungen sei der Anteil an Migrantinnen und Migranten enorm gestiegen.
Auch in Gesprächen mit Menschen auf der Straße kommt das zum Teil zur Sprache. «Mir gefällt es hier nicht mehr», sagt Henry Königstädt, der gerade mit seiner Partnerin Juliane Möller und seinem Hund spazieren geht. Das Paar wohnt in einer Siedlung ganz im Norden von Marzahn. Hier sind die Hochhäuser deutlich höher als in Hellersdorf. Auf den Balkonen wachsen Geranien, an einem hängt eine Deutschlandflagge. Es wirkt ruhig und friedlich an diesem Nachmittag.
Königstädt wuchs in dem Viertel auf. Seitdem habe sich die Hochhaussiedlung stark verändert. Es gebe viele Ausländer, sagt der 42-Jährige. Außerdem gebe es abends häufig Schlägereien. Schräg gegenüber von dem Hochhaus ist eine Bar. Zu später Stunde seien viele Betrunkene unterwegs. Auch ein anderer Anwohner berichtet von Gewalt. Auf den Straßen liege viel Müll, das Miteinander sei anonym, sagt Königstädt. «Ich will auf ein ruhiges Dorf.»
Ezat Muhammadi würde auch gerne woanders leben. «Ich hatte keine andere Wahl», sagt der 27 Jahre alte Afghane. Er habe ein Jahr gesucht und nichts gefunden. Seitdem er in Marzahn wohne, sei er in der U-Bahn mehrmals rassistisch beleidigt worden. In den sechs Monaten, in denen er hier lebe, habe es fünf Vorfälle gegeben. «Ich will einfach normal wie andere Menschen arbeiten und leben. Ich will einfach meine Ruhe haben.» Zumindest die Nachbarn seien alle nett, erzählt er.
Stadtforscher Bernt glaubt, dass zusehends Menschen unfreiwillig in Plattenbausiedlungen landeten, die aufgrund ihrer Umstände nicht anders könnten.
«Wir sind meilenweit weg von den Utopien, mit denen die Plattenbauviertel und auch viel der städtebaulichen Moderne seit dem Bauhaus gebaut worden sind», sagt Bernt. Trotzdem warnt er vor Vorurteilen und Klischees. Die Siedlungen seien sehr unterschiedlich, Platte sei nicht gleich Platte.