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Schlaganfall mit 48 Jahren: Wie Stefanie Will ihr Leben nach dem Anfall meistert


Autor: Redaktion

Schondorf am Ammersee, Dienstag, 27. Sept. 2016

Die Schondorferin Stefanie Will erlitt mit 48 Jahren einen Schlaganfall und ist dankbar für ihr neues Leben.
Schlaganfallpatientin Stefanie Will Foto: Michael Hochgemuth


Ereignisse, die das ganze Leben umkrempeln, kommen oft auf leisen Sohlen - und tauchen völlig überraschend auf. Auch bei Stefanie Will ist das so gewesen, und wie andere Menschen in ähnlicher Lage hat sie die Tragweite der Situation nicht sofort erfasst. Sie wusste nur, dass etwas geschehen war, "was mein Leben bedroht", erzählt die heute 51-Jährige. "Ich dachte, mein Leben sei zu Ende."

Stefanie Will sieht blendend aus, während sie das sagt. Zarte Haut, rosige Wangen, schlanke Figur, strahlende Augen - sie wirkt wie das blühende Leben, obwohl sie doch Schlimmes hinter sich hat.


So kündigte sich der Schlaganfall an

Will hatte an einem Januartag im Jahr 2013 einen brennenden Schmerz in Brust und Kopf verspürt, ehe sie bewusstlos wurde. Als sie wieder zu sich kam, hatte sie das Gefühl, auf einem Stück Fleisch zu liegen. Doch es war kein Stück Fleisch unter ihr - es war ihr eigener linker Arm, auf dem sie lag. Sie empfand ihn nicht mehr als zu ihrem Körper gehörig. Panik, sagt sie, habe sie dennoch nicht verspürt. "Ich hatte eine extreme Ruhe in mir", erzählt sie. "Es war wie ein stiller Abschied mit dem Gedanken, nicht zu überleben."

Freilich - diese Ruhe währte nicht ewig, es warteten andere Zeiten auf sie, nachdem sie realisiert hatte, was geschehen war: Sie hatte, nachdem sie wie jeden Tag frühmorgens aufgestanden war, einen Schlaganfall erlitten. Ganz ohne Vorzeichen. Will war gesund gewesen, sie hatte keine der Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen gehabt, war weder Diabetikerin noch Raucherin gewesen. Und vor allem: Sie war erst 48 Jahre alt und alleinerziehende Mutter einer 16-jährigenTochter.


Schlechte Prognosen

Die Prognosen in der Klinik waren nicht rosig: Stefanie Will war halbseitig gelähmt. Sie konnte sich im Bett nicht umdrehen, geschweige denn sitzen. Linker Arm und linkes Bein fielen immer wieder aus dem Bett und mussten vom Pflegepersonal zurückgelegt werden. Denn so sehr sie sich auch darauf konzentrierte - sie selbst schaffte es nicht, die beiden Gliedmaßen zu bewegen. Alleine frühstücken? Undenkbar. Zur Toilette gehen? Nicht möglich.

Stefanie Will hat ein anrührendes Buch über ihren Schlaganfall, die Wende in ihrem Leben, geschrieben: "Alles auf Null und noch einmal von Vorne", lautet der Titel. Denn das Ereignis veränderte alles. Sie stand nicht nur, als sie aus Klinik und Reha zurückkehrte, ohne Einkommen und berufliche Perspektive da, auch ihr Partner, mit dem sie fünf Jahre zusammengewesen war, hatte sie ohne jede Erklärung oder Aussprache verlassen. Arbeit, Mann, Gesundheit - alles war weg, verloren.

Stefanie Will sagt über sich, sie sei zeitlebens eine selbssttändige Frau gewesen, eine Frau, die sich zwar nicht immer auf andere habe verlassen können - aber stets zu hundert Prozent auf sich selbst. Nun war alles anders. Das, was bisher perfekt funktioniert hatte, ohne dass sie je darüber nachdenken musste - ihr Körper - verweigerte sich. Um ihn zu pflegen, musste sie die Hilfe anderer in Anspruch nehmen. Etwas, das sie phasenweise als entwürdigend empfand.


Die einzige jüngere Frau in der Klinik


Auf eines hat sie während der langen Zeit der Genesung trotzdem felsenfest vertraut: Wenn der Körper früher einmal funktioniert hat, kann das auch wieder so werden. Das hat sie aufrechterhalten auch in der Zeit, als sie in der Rehaklinik als einzige jüngere Frau inmitten betagter Patienten saß.

Doch es war nicht alles negativ, es gingen zugleich andere Veränderungen in ihr vor: Völlig unerwartet empfand sie eine geradezu überwältigende Liebe für ihren eigenen, so verletzlichen Körper. Etwas, was sie früher nur von anderen bekommen zu können glaubte, empfand sie plötzlich für sich selbst: eine tiefe und bedingungslose Liebe.

Das Schreiben über die Veränderungen wurde zur Therapie für sie. Damit, sagt sie, konnte sie alles verarbeiten und hinterfragen. Sie will einen Einblick geben in die Seele eines Menschen, der unerwartet aus der Bahn geworfen wurde. Es ist noch etwas, das sie auf ihrem Weg zur Genesung immerzu begleitete: ein Nahtoderlebnis, das sie nach dem Schlaganfall im Krankenwagen auf dem Weg zur Klinik gehabt hatte.

Ein Erlebnis voller Ruhe, Liebe und Licht, ein Erlebnis, das sie kaum in Worte fassen kann. Seitdem hat sie keine Angst mehr. Sie fühlt sich aufgehoben in diesem Leben und genießt es, einfach sie selbst sein zu dürfen. Oder auch: einfach noch da zu sein.

Trauert sie der Vergangenheit nach? Nein. Ihr heutiges Leben, sagt sie, sei ein Geschenk. Es ist eine neue Freiheit, ein neues Dasein, das ihr der Schlaganfall ermöglicht hat.

Stefanie Will: Alles auf Null und noch einmal von Vorne, Books on Demand, 2016. 14,99 Euro.