Was, wenn der Meeresspiegel steigt – Rückzug von der Küste?
Autor: Birgitta von Gyldenfeldt, Lennart Stock und Helmut Reuter, dpa
, Mittwoch, 31. Dezember 2025
Deiche sichern seit jeher die norddeutschen Küsten. Wegen des steigenden Meeresspiegels regen Experten an, auch Alternativen zu diskutieren. Beunruhigende Nachrichten kommen zudem vom Wattenmeer.
Wer an der Küste steht und auf das Meer schaut, kann es mit bloßem Auge nicht ausmachen – doch der Meeresspiegel steigt. Und damit auch die Überflutungsgefahr für die tiefer gelegenen Küstenregionen in Norddeutschland. Nicht nur die Nordseeküste ist betroffen, auch Regionen an der Ostsee. Dies zeigte etwa die verheerende Sturmflut im Oktober 2023, die an Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste große Schäden angerichtet hat.
In den vergangenen 100 Jahren sei der mittlere Meeresspiegelanstieg an der deutschen Nordseeküste um etwa zwanzig Zentimeter gestiegen, sagen Insa Meinke und Ralf Weisse vom Institut für Küstensysteme des Helmholtz-Zentrums Hereon in Geesthacht. Das zeigten etwa Messreihen an Pegeln wie Cuxhaven oder Norderney, die zu den längsten weltweit gehörten.
Wie stark der Meeresspiegel weiter steigen wird, hänge entscheidend von den globalen Emissionen und deren Auswirkungen aufs Klima ab, erklären die Hereon-Experten. «Je nach Treibhausgasausstoß können wir für die deutsche Nordseeküste im Vergleich zum Zeitraum 1995 bis 2014 von einem Anstieg im Bereich von etwa 30 bis 120 Zentimeter bis 2100 ausgehen.» Und: «Auch nach dem Jahr 2100 wird sich der Meeresspiegelanstieg weiter fortsetzen.»
Sturmfluten bedrohen Küstenbewohner
Mit Folgen, etwa was Sturmfluten angeht. Sie werden nach Expertenangaben höher und häufiger. Hochwasser zählt von jeher zu den größten Bedrohungen für Küstenbewohner. Schon vor mehr als Tausend Jahren schufen Siedler die ersten Erdwälle, um sich vor den Fluten zu schützen. Über die Jahrhunderte entwickelten Küstenbewohner ein effektives System aus Deichen, Sielen und Entwässerungskanälen, um sich vor Sturmfluten zu sichern. Die letzte große Sturmflut mit vielen Deichbrüchen und Toten ereignete sich im Februar 1962.
Sie führte dazu, dass viele Deiche neu berechnet und verstärkt wurden. Dies hatte zur Folge, dass etwa die sehr schwere «erste Januarflut» 1976 zwar deutlich höher auflief, aber an der neuen Deichlinie kaum Schäden hinterließ.
Auch heute wird der Deichbau kontinuierlich verbessert, etwa mithilfe von Computermodellen und Wellenkanälen. An der Nordseeküste entstehen sogenannte Klimadeiche. Diese Bauwerke sind breiter und können bei Bedarf erhöht werden. In Niedersachsen werden die höchsten Klimadeiche laut Umweltministerium etwa zehn Meter über Normalhöhennull erreichen.
Situation im Wattenmeer ernster als bisher angenommen
An der Nordsee haben zudem die flachen Wattenmeerbereiche eine natürliche Küstenschutzfunktion: «Sie bauen die Energie von Sturmfluten und Wellen ab und dienen als natürlicher Puffer, die die Belastung an Küstenschutzbauwerken verringert», sagt Wenyan Zhang vom Institut für Küstensysteme des Helmholtz-Zentrums Hereon. Je mehr Sedimente abgelagert werden, desto besser könne das Wattenmeer diese Funktion erfüllen. «Kritisch wird es, wenn die Sedimentation geringer wird als der Anstieg des Meeresspiegels.»