Warum schlechter Schlaf ein Wirtschaftsfaktor ist
Autor: Andrea Löbbecke, dpa
, Donnerstag, 05. November 2026
Müde Beschäftigte sind weniger konzentriert. Schlafmangel erhöht das Unfallrisiko. Experten raten Unternehmen, den gesunden Schlaf der Mitarbeiter mehr im Blick zu haben.
Gut schlafen in der Nacht, produktiv arbeiten am Tag: Ein gesunder Schlaf der Beschäftigten als Wirtschaftsfaktor wird nach der Einschätzung von Experten von vielen Unternehmen völlig unterschätzt. Anders als Ernährung oder Sucht stehe das Thema oft nicht auf der Agenda, sagte der Leiter des schlafmedizinischen Zentrums des Pfalzklinikums in Klingenmünster, Hans-Günter Weeß. «Dieser Produktivitäts- und Gesundheitsfaktor wurde von Industrie und Wirtschaft lange verschlafen.» Nun finde langsam ein Umdenken statt.
Bis Samstag findet in Wiesbaden die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin statt, die unter dem Motto «Schlaf - Wirtschafts- und Karrierefaktor» steht.
«Gut im Bett» kann der Karriere helfen
«Guter Schlaf verbessert nicht nur die Lebensqualität, er kann auch ein wichtiger Faktor für beruflichen Erfolg sein», bekräftigte Schlafexperte Weeß. «Sie wollen Karriere machen? Dann müssen Sie gut im Bett sein.» Studien zufolge sänken unter anderem die Leistungsfähigkeit und das Konzentrationsvermögen, wenn man nicht ausgeruht zur Arbeit komme. «Schlaf ist ein unterschätzter Karrierefaktor.»
Rund 80 Prozent der Menschen hätten ein Schlafbedürfnis zwischen sieben und neun Stunden, erläuterte der Wissenschaftler. Schon eine Stunde zu wenig erhöhe beispielsweise das Unfallrisiko im Straßenverkehr um rund 30 Prozent. Menschen mit einer Schlafstörung bräuchten deutlich länger, um sich von einer Erkrankung zu erholen - sie seien daher im Durchschnitt länger krankgeschrieben als Kollegen mit gesundem Schlaf, ergänzte Weeß.
Unbehandelte Schlafkrankheiten kosteten die Wirtschaft einer europaweiten Studie zufolge erhebliche Summen, gab der Experte zu bedenken. Laut einer aktuellen Veröffentlichung beziffere sich der Schaden auf drei Prozent des Bruttoinlandprodukts - das seien allein für Deutschland mehr als 100 Milliarden Euro.
Litten Beschäftigte unter chronischen Schlafproblemen, folgten entweder Krankheitstage, weil sie sich nicht fit für den Job fühlten, oder die Menschen gingen müde zur Arbeit und seien nicht leistungsfähig, sagte Weeß. Besonders riskant ist das bei Tätigkeiten mit hoher Verantwortung, etwa im Pflegebereich, an Maschinen oder im Verkehr.
Der Schlaf- und Beatmungsmediziner Winfried Randerath kritisierte, dass es oft als besonders heldenhaft dargestellt werde, wenn jemand mutmaßlich mit wenig Schlaf auskommt. «Das Gegenteil ist der Fall.» Unter Schlafmangel würden eher keine guten Entscheidungen getroffen, sagte er auch mit Blick auf nächtliche Sitzungen von politischen Entscheidern.