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Warum der Ebola-Ausbruch zu eskalieren droht


Autor: Christina Peters, dpa

, Donnerstag, 30. Juli 2026

Mit mehr als 3.400 bestätigten Fällen und über 1.500 Toten in drei Monaten breitet sich Ebola im Ostkongo immer noch weitgehend unkontrolliert aus. Experten befürchten eine historische Katastrophe.
Helfer berichten, dass viele erst mit kritischen Symptomen in die Behandlungszentren kämen.


Die aktuelle Ebola-Epidemie im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist bereits nach wenigen Monaten der drittschwerste jemals bekannt gewordene Ausbruch des Fiebers. Das Virus breitet sich so schnell aus wie noch nie zuvor. In nur drei Monaten sind mehr als 1.500 Ebola-Erkrankte gestorben. Trotz Nachverfolgung von Kontaktpersonen ist bei den meisten Neupatienten nicht klar, wo sie sich angesteckt haben.

Die Lage sehe derzeit wesentlich dramatischer und dynamischer aus als zu Beginn der bislang schlimmsten Ebola-Epidemie in Westafrika 2014, sagt der Berliner Epidemiologe Maximilian Gertler, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mehrfach im Ebola-Einsatz war, der Deutschen Presse-Agentur. Damals starben binnen zwei Jahren mehr als 11.000 Menschen. «Es gibt leider im Moment kaum Anzeichen dafür, dass wir diese Epidemie besser, effektiver und früher stoppen können als die Epidemie von 2014/15.»

Wie entwickelt sich der Ausbruch im Ostkongo?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte Mitte Mai den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Der erste nachgewiesene Ebola-Patient starb Ende April in der ostkongolesischen Grenzprovinz Ituri, in der schätzungsweise etwa acht Millionen Menschen leben. Doch Experten gehen mittlerweile davon aus, dass das Virus schon seit Februar in der Region grassierte. Ebola wird durch Körperkontakt und Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen und löst ein hoch ansteckendes Fieber mit Durchfall und Blutungen aus.

Bislang sind mehr als 3.400 Fälle im Labor nachgewiesen worden. Die tatsächliche Zahl der Infizierten könnte nach Schätzungen der WHO zwei bis vier Mal so hoch liegen. Demnach werden mehr als 80 Prozent der neuen Fälle außerhalb der Kontaktlisten anderer Patienten entdeckt, was zeigt, dass das Virus sich weiterhin ungehindert ausbreitet.

Die Zahl der Neuerkrankungen steigt wöchentlich an. Die Epidemie breitet sich auch räumlich immer weiter aus. Mittlerweile gibt es Fälle in fünf Provinzen, darunter direkt an der belebten Grenze zum armen und instabilen Südsudan.

Wieso ist das Fieber so tödlich?

Nach Behördenangaben liegt die Todesrate derzeit bei etwa 44 Prozent - das bedeutet, fast die Hälfte aller nachgewiesenen Infizierten sind gestorben. Für die für den Ausbruch verantwortliche Bundibugyo-Variante des Ebolavirus gibt es noch keine gezielten Impfstoffe oder Medikamente. Nach Angaben der WHO lag die Todesrate bei den beiden letzten Bundibugyo-Ausbrüchen 2007 in Uganda und 2012 im Kongo bei 30 beziehungsweise 50 Prozent. 

Mitarbeitende der Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichten, dass viele Erkrankte erst mit kritischen Symptomen in die Behandlungszentren kämen, wenn die Überlebenschancen gering seien. Zwei Drittel der Toten sind nach Angaben der WHO Menschen, die in ihren Gemeinden sterben und nie in einer auf Ebola spezialisierten Einrichtung behandelt wurden. Todesfälle in Familien sind besonders gefährlich, weil sich pflegende Angehörige leicht anstecken können.

Warum scheitert die Eindämmung weiterhin?

Nach Angaben der WHO gibt es mittlerweile knapp 950 Betten in Isolations- und Behandlungszentren im Krisengebiet. Während die Einrichtungen in Ituris Nachbarprovinz Nord-Kivu mit 136 Prozent überbelegt sind und Helfer in Ituris Provinzhauptstadt Bunia von Wartezeiten berichten, ist andererseits nach WHO-Angaben in der Provinz Ituri aktuell ein Drittel der Betten frei. «Angesichts der Dynamik der Epidemie und der sehr heterogenen Sicherheitslage vor Ort ist es sehr schwer, rechtzeitig ausreichend Kapazitäten unmittelbar dort zu haben, wo es am dringendsten ist», sagt Charité- und MSF-Arzt Gertler.

Mangelnde Aufklärung und Misstrauen zählen zudem weiterhin zu den größten Problemen. Die Menschen hätten Angst davor, Erkrankte in Behandlungszentren abzugeben, von denen sie nur Gerüchte kennen würden, sagt Gertler. Vielen fehle das Vertrauen in das Gesundheitssystem sowie die Bildung, um Übertragungswege nachvollziehen zu können. Helfer werden immer wieder angegriffen. 

Die Sicherheitslage im Osten des zentralafrikanischen Landes ist ein großes Problem. Hunderttausende Vertriebene leben teils seit Jahren in Behelfslagern mit schlechten sanitären Verhältnissen und kaum medizinischer Versorgung. Krankheiten wie Malaria und Cholera, die oft mit ähnlichen Symptomen wie Ebola einhergehen, sind verbreitet. Viele Menschen leiden Hunger und leben in ständiger Furcht vor Massakern oder sexueller Gewalt.

Die Provinzen Nord- und Süd-Kivu werden von Rebellen kontrolliert, die gegen die Regierung und mit ihr verbündete Milizen kämpfen. In Ituri greift die mit der Terrormiliz IS verbündete Rebellengruppe ADF Dörfer an. In diesem Jahr wurden der Konfliktdatenorganisation Acled zufolge mindestens rund 1.100 Zivilisten in den drei Provinzen getötet.

Welche Maßnahmen werden ergriffen?

Am 24. Juli begann die erste Phase der Tests an Menschen eines Impfstoffs der Universität Oxford gegen die Bundibugyo-Variante. Nach Angaben der Entwickler liegen bereits 620.000 Dosen bereit - allerdings dürfte es selbst im besten Fall noch Monate dauern, bis großflächig geimpft werden kann.

Seit Anfang Juli läuft die klinische Testung zweier antiviraler Therapieverfahren gegen das Virus. Es handelt sich um einen monoklonalen Antikörper mit dem Namen MBP134 und das antivirale Medikament Remdesivir. Auch eine Studie zur Postexpositionsprophylaxe mit Obeldesivir für die Verhinderung von Infektionen bei Personen, die enge Kontakte zu Infizierten hatten, läuft.

Die Nachverfolgung der Kontakte lag nach Angaben der WHO zuletzt bei 78 Prozent - die Behörden hätten von rund 15.500 gemeldeten Kontaktpersonen 12.100 zur Überprüfung aufgesucht. Zur Eindämmung seien 95 Prozent nötig.

Welche Aussichten gibt es?

Beim zweitschwersten bislang erfassten Ebola-Ausbruch von 2018 bis 2020 im Ostkongo starben rund 2.300 Menschen. Damals wurden mehr als 300.000 Kontaktpersonen mit dem erprobten Wirkstoff gegen die Zaire-Variante geimpft. Die WHO wertet aber auch den Aufbau von Vertrauen in der Bevölkerung als entscheidend für die Eindämmung des Ausbruchs. Traditionelle und religiöse Autoritäten wurden in den Gemeinden als Vermittler eingebunden.

Weitere Isolierbetten, noch mehr Kontaktnachverfolgung und ein massiver Ausbau bei der Aufklärung der Bevölkerung seien dringend nötig, sagt Ebola-Experte Gertler der dpa. «Wenn das nicht in ausreichendem Maße geschieht, müssen wir gegenwärtig davon ausgehen, dass der Ausbruch sich noch sehr lange, mit Sicherheit im nächsten Jahr, fortsetzen wird und auch andere Länder in der Region erreicht werden können.»