Von Walmüttern und Elefantenherden: Können Tiere trauern?
Autor: Carola Frentzen, dpa
, Freitag, 02. Oktober 2026
Eine Buckelwal-Kuh sucht stundenlang die Nähe zu ihrem toten Kalb – und überrascht Forscher. Ähnliche Beobachtungen gibt es bei Elefanten, Schimpansen und Orcas. Was wissen wir über Trauer bei Tieren?
Das Meer vor der australischen Gold Coast ist an diesem Wintermorgen erstaunlich ruhig. Zwei Buckelwale ziehen durch das flache Wasser vor Palm Beach Reef. Einer hält sich immer wieder an einer Stelle am Meeresboden auf. Dort wird eine kleine Kamera hinabgelassen - und zeigt ein Bild, das selbst erfahrene Walbeobachter berührt: Auf dem Grund liegt ein totes Kalb.
Die junge Buckelwal-Kuh taucht immer wieder hinab und berührt den Körper mit Kopf und Brustflosse. Sie legt sich neben das Kalb, Auge an Auge. Fast zwei Stunden bleibt sie in seiner Nähe. Ein zweiter erwachsener Wal schwimmt bei ihr. Auch Lautäußerungen sind zu hören.
«Für mich war ihre Suche nach Körperkontakt und der Versuch von Augenkontakt mit dem verstorbenen Kalb überraschend, aber auch die Dauer des Verhaltens - über Stunden und vermutlich sogar über Tage», sagte der deutsch-australische Meeresbiologe Olaf Meynecke von der Griffith University der Deutschen Presse-Agentur.
Er hat die Beobachtung gemeinsam mit dem Walretter Andrew Mulville ausgewertet und eine Studie verfasst. Nach Angaben der Forscher ist es der erste detailliert dokumentierte Fall eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal.
Was geht in Tieren vor?
Hinter der Szene auf dem Meeresgrund steckt eine große Frage: Können Tiere trauern? Das ist schwer zu beantworten: Niemand kann einen Wal fragen, was in ihm vorgeht. Forscher können nur beobachten, was ein Tier tut - und versuchen, daraus vorsichtig auf seinen inneren Zustand zu schließen.
Das Weibchen versuchte jedenfalls nicht, das tote Kalb an die Wasseroberfläche zu bringen. Normalerweise helfen Muttertiere ihren neugeborenen Kälbern so beim ersten Atemzug. «Wir haben zwei Theorien», sagte Meynecke. «Es kann sein, dass die Mutter nicht in der Lage war, es nach oben zu bringen, aber dagegen spricht, dass wir keinen solchen Versuch dokumentieren konnten. Oder aber ihr war bewusst, dass es nicht mehr lebt.»
Die Trauerreise von Tahlequah
Das Verhalten erinnert an andere Säugetiere. Besonders eindrucksvoll sind Orcas: Das Weibchen Tahlequah trug 2018 sein totes Kalb vor der Küste Nordamerikas 17 Tage lang auf der Schnauze und Stirn mit sich und legte dabei mehr als 1.500 Kilometer zurück. Immer wieder hob es den Körper aus dem Wasser, wenn er abzusinken drohte. Wissenschaftler sprachen von einer «Tour of grief» - einer Trauerreise. Auch Grindwale und Delfine wurden dabei beobachtet, tote Jungtiere noch über längere Zeit mit sich zu tragen. Bei Buckelwalen ist die Datenlage dünner.