Steinmeier: Müssen Lebensweisen überdenken
Autor: dpa
, Sonntag, 25. Oktober 2026
Eine Klima-Anwältin und ein Daniel Düsentrieb der Abwasserreinigung haben den Deutschen Umweltpreis erhalten. Richtige Feierlaune kam trotzdem nicht auf: «Wir begeben uns in immense Gefahr.»
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dazu aufgerufen, dem Klimaschutz trotz aller «tagespolitischen Konjunkturen» hohe Priorität einzuräumen. «Wir wissen, dass wir unsere Art zu leben, zu wirtschaften, hinterfragen müssen. Warum? Um unseren Kindern und Enkeln einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen», sagte Steinmeier bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises in Aachen.
Der letzte Sommer habe gezeigt, welche dramatischen Folgen die Erderwärmung für alle habe: brennende Wälder, kaum noch Schifffahrt aufgrund niedriger Wasserstände und 16.000 zusätzliche Sterbefälle laut Robert Koch-Institut. «Die Fieberkurve unseres Planeten zeigt deutlich nach oben», sagte Steinmeier. Dabei treffe der Klimawandel Europa besonders stark - «unser Kontinent erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie alle anderen».
Preisträgerin hält Selbstzerstörung der Menschheit für möglich
Der Deutsche Umweltpreis zeichnet Leistungen von Menschen aus, die vorbildlich zum Schutz und Erhalt der Umwelt beitragen. Mit 500.000 Euro gehört er zu den höchstdotierten Umweltauszeichnungen Europas. In diesem Jahr geht der Preis zu gleichen Teilen an den Ingenieur Klaus Vossenkaul aus der Städteregion Aachen und die Hamburger Rechtsanwältin Roda Verheyen. Vossenkaul wird für seine innovativen Weiterentwicklungen bei der Membranfiltertechnologie für die Abwasserreinigung in Kläranlagen ausgezeichnet. Verheyen bekommt den Preis für die Durchsetzung rechtlicher Vorgaben für mehr Umwelt- und Klimagerechtigkeit.
Verheyen sagte, sie freue sich sehr über den Preis, sei gleichzeitig aber auch «extrem traurig». Die Klima-Anwältin verwies darauf, dass die Erde den Vereinten Nationen zufolge bis Ende des Jahrhunderts auf 2,8 Grad Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit zusteuere. «2,8 Grad - das bedeutet Millionen von Toten», sagte Verheyen der Deutschen Presse-Agentur. «Wir begeben uns in eine immense Gefahr, uns selber auszulöschen - nicht den Planeten, aber die Menschheit.»
Die großen Kipppunkte in der Arktis, Antarktis und im Amazonas-Gebiet könnten bei einer so starken globalen Erwärmung fallen. «Ich muss mit Ihnen diese Wut und diese Trauer teilen.» Wütend mache sie, dass sich die Menschen sehenden Auges in diese immense Gefahr begäben. «Und warum? Weil wir uns seit 30 Jahren mindestens von der fossilen Industrie am Nasenring durch die Manege führen lassen. Und wir tun im Augenblick so, als würden wir einfach weitermachen können.»
Verheyen sprach die Hitzetoten des Sommers an. «16.000 Hitzetote, über die kaum jemand spricht. Im Gegensatz zu knapp 3.000 Verkehrstoten in Deutschland. Das sind unglaubliche Zahlen.» Man könne daraus als Rechtsanwältin eigentlich nur eine einzige Schlussfolgerung ziehen: dass sowohl der Staat als auch Gesellschaft und große Emittenten rechtswidrig handelten.
Als eine «völlig falsche Analyse» bezeichnete Verheyen die Darstellung, Deutschland müsse sich nun erst vorrangig um eine billige Energieversorgung bemühen, damit die Wirtschaft nicht abschmiere, und der Klimaschutz müsse für den Augenblick zurückstehen. «Kein Klimaschutz ist viel teurer als jede Klimaschutzmaßnahme», sagte sie. Allein die Logistik-Branche habe derzeit Milliarden an Einbußen durch die Trockenlegung des Rheins. «Das ist alles vorhergesagt worden von der Klimawissenschaft.»