Heiß, heißer, Stadt: Wenn Beton zur Heizung wird
Autor: Annett Stein, dpa
, Freitag, 10. Juli 2026
Was mit der Klimakrise bis Ende des Jahrhunderts zu erwarten ist, erleben Stadtbewohner in einem Punkt schon jetzt: bei den Tropennächten. Denn Städte werden tagsüber getankte Wärme schlecht los.
Seit Ende Juni gibt es einen neuen bundesweiten Hitzerekord: 41,8 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt - zumindest nach vorläufigen Angaben des Deutschen Wetterdienstes. Auch in den kommenden Tagen droht vor allem dem Südwesten wieder große Hitze. Hier in der Stadt ist es ja noch mal viel heißer, heißt es dann oft. Tatsächlich fließen Innenstadt-Messwerte nicht in die Analyse von Hitzerekorden im Bundesgebiet oder in Bundesländern ein, wie Meinolf Koßmann vom Deutschen Wetterdienst erklärt. Heißer als in der Umgebung sei es in Städten allerdings vor allem nachts.
Sind Rekord-Orte tatsächlich immer die heißesten an dem Tag?
Nein. «Es gibt immer einen heißeren Ort», sagt Ferdinand Briegel vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). «Man kann ja nicht an jedem einzelnen Punkt in Deutschland messen.» Die mehr als 200 Temperatur-Messstationen des DWD liegen an möglichst repräsentativ für die jeweilige Umgebung gewählten Orten, möglichst über kurzem Rasen und mit Abstand zu Bäumen, Gebäuden und anderen Störquellen. Damit werden internationale Vorgaben erfüllt, um Verzerrungen etwa durch den Wärmeinsel-Effekt in Städten zu verhindern.
Was ist das für ein Effekt?
Städte sind im Mittel merklich wärmer als ihr Umland. Tagsüber betrage der Unterschied meist höchstens ein bis zwei Grad, nachts aber bis zu etwa zehn Grad, sagt Koßmann. Der DWD betreibt im Sondermessnetz Stadtklima acht Paare aus Stadt- und Umgebungs-Messstation, um die Entwicklung des Effekts zu verfolgen.
Am 28. Juni 14 Uhr war es demnach zum Beispiel in der Innenstadt Münchens 35,1 Grad heiß, weiter draußen am Flughafen 34,5 Grad. Eine Differenz von 8,4 Grad hingegen hatten die Stationen wenige Stunden zuvor: 3 Uhr morgens wurden für die Innenstadt 25,2 Grad erfasst, für München-Flughafen nur 16,8.
Die Universität Freiburg zählte für ihre Stadt bis zum 29. Juni 13 Tropennächte in Folge - Nächte, in denen es sich nicht unter 20 Grad abkühlte. «Im gleichen Zeitraum gab es fünf Kilometer außerhalb der Stadt nur zwei bis drei Tropennächte», sagt Briegel, der am KIT die Hitzebelastung von Städten mittels KI modelliert. Freiburg erlebe schon jetzt, was für den ländlichen Bereich des Oberrheingrabens für Mitte bis Ende des Jahrhunderts prognostiziert werde. Ähnlich gilt das auch für andere Städte.
Was ist der Grund?
Städte sind dreidimensionale Gebilde aus gewaltigen Mengen an Beton, Stein und Asphalt: Massen dicht an dicht stehender Gebäude kombiniert mit großflächig versiegelten Flächen wie Straßen und Plätzen - und sie alle speichern die Energie der einfallenden Sonnenstrahlen als Wärme. Nachts wird sie an die Luft abgegeben, die dadurch viel langsamer abkühlt als auf dem Land, wie Koßmann erklärt. In der Bilanz verschiedener Faktoren sei es auf dem Land sogar so, dass die Luft nachts oft Wärme an den Boden abgebe.
Einfluss habe auch, dass die gut durchmischte bodennahe Luftschicht tagsüber in der Regel wesentlich höher reiche als nachts - ein bis zwei Kilometer statt nur einige Dutzend bis einige Hundert Meter hoch. «Die vom Boden und von Gebäuden wieder abgestrahlte Wärme verteilt sich tagsüber entsprechend in einem weitaus größeren Raum.» Zudem habe Wind, der Hitze aus der Stadt treibe, meist tagsüber sein Maximum und schlafe nachts überwiegend ein. Beides sorge mit dafür, dass die Unterschiede zwischen Land und Stadt tagsüber relativ klein bleiben.