Druckartikel: Gesicht oder Objekt? Schon Neugeborene haben Präferenzen

Gesicht oder Objekt? Schon Neugeborene haben Präferenzen


Autor: dpa

, Dienstag, 22. Sept. 2026

Sind es eher die Gene und Hormone, die das Verhalten von Mädchen und Jungs beeinflussen - oder die Umwelt? Bestimmte Unterschiede zumindest scheinen angeboren.
Rosa und blaue Nuckel für ein Mädchen und einen Jungen


Wie stark sind Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen anerzogen statt angeboren? Diskutiert und erforscht wird das schon seit Jahrzehnten - für einen Aspekt legt ein Forschungsteam nun ein Studienergebnis vor: Unterschiede bei der Aufmerksamkeit für bestimmte Dinge gibt es demnach schon bei Neugeborenen. Männliche Säuglinge widmen dem Betrachten sozialer Reize - wie Gesichtern - einen kleineren Zeitanteil als weibliche, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal «Biology of Sex Differences».

Frauen als soziale Wesen, die die Familie zusammenhalten, - und Männer als «Mann fürs Grobe»: technisch interessiert und versiert, aber häufiger mal mit Defiziten im Sozialen. Solche oder ähnliche Bilder von den Geschlechtern stecken in vielen Köpfen. Schon im Kindergarten sind Mädchen gerne bei Spielen wie «Mutter, Vater, Kind» dabei, während Jungs eher umherflitzen oder in der Bauecke werkeln. Seit langem schwelt die Frage: Ist das angeboren? Oder doch eher anerzogen?

Einfach zu ergründen ist das nicht, weil soziale Einflüsse sehr früh beginnen. Eltern, Betreuungspersonen, Geschwister, Gleichaltrige, Medien und Institutionen vermitteln - bewusst oder unbewusst - Erwartungen darüber, was als typisch für Mädchen oder Jungen gilt. Schon das Design von Schnullern und Greiflingen ist geschlechtsspezifisch. Selten bekommt ein Junge als Kleinkind eine Puppe geschenkt - und selten ein Mädchen eine Spielzeug-Bohrmaschine.

Was ist angeboren? - Das ist nur direkt nach der Geburt erkennbar

Forschungsergebnisse zeigen, dass Mädchen im Durchschnitt früher sprechen lernen und ihre sozialen Fähigkeiten schneller entwickeln als Jungen. Doch geht das auf biologische Faktoren oder die Sozialisation zurück? Zur Klärung ergründen Wissenschaftler, welche Geschlechtsunterschiede bereits direkt nach der Geburt bestehen, also bevor Gesellschaft und Kultur die Entwicklung beeinflussen.

Eine im Jahr 2000 veröffentlichte Studie der Universität Cambridge hatte bereits darauf hingewiesen, dass Mädchen bei der Geburt im Durchschnitt länger Gesichter betrachteten, während Jungen im Durchschnitt länger Objekte betrachteten. Das Team um Yumnah Khan von der Universität Cambridge bezog nun 130 Neugeborene in eine neue Studie mit verbesserter Auswertung ein.

Die Babys wurden im Mittel 33 Stunden nach der Geburt getestet. Ihnen wurde gleichzeitig ein Video eines menschlichen Gesichts mit wechselnder Mimik sowie eines von einer Reihe schwingender Metallkugeln, einem sogenannten Newton-Pendel, gezeigt. Unabhängig vom Geschlecht betrachteten die Neugeborenen bevorzugt das Gesicht, wie die Forschenden berichten. Diese Präferenz war aber bei weiblichen Säuglingen stärker ausgeprägt: Im Mittel verbrachten sie anteilig einen größeren Teil der Zeit damit, den sozialen Reiz zu betrachten, als männliche Säuglinge. Männliche Neugeborene wiederum verbrachten im Vergleich zu weiblichen einen größeren Anteil ihrer Zeit damit, das Objekt zu betrachten.

Hinweise, keine Beweise

Die Forschenden werten das als möglichen Hinweis darauf, dass biologische Faktoren während der Schwangerschaft wie Hormonspiegel und Genetik zu den beobachteten durchschnittlichen Geschlechtsunterschieden führen. Es seien allerdings auch andere Gründe möglich, etwa Unterschiede im Reifungsstand oder in visuellen Merkmalen der gezeigten Reize.

Zudem gebe es einen Faktor zu berücksichtigen: «Die Unterschiede, die wir feststellen, gelten nicht für alle männlichen oder alle weiblichen Säuglinge, sondern zeigen sich im Durchschnitt nur beim Vergleich von Gruppen männlicher und weiblicher Säuglinge», erklärte Mitautorin Carrie Allison von der Universität Cambridge. «Innerhalb jedes Geschlechts gibt es große Schwankungen und Überschneidungen.»

Das Team möchte nun ergründen, ob die frühen geschlechtsspezifischen Unterschiede zu späteren Unterschieden in der Psyche, im Gehirn und im Verhalten der Kinder beitragen. «Geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Geburt sind wichtige Ausgangspunkte, aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie nicht vollständig bestimmen, wie Kinder im späteren Leben lernen und sich entwickeln», sagte Mitautor Alex Tsompanidis, ebenfalls von der Universität Cambridge. Biologische und soziale Faktoren stünden stets in Wechselwirkung und trügen so zur Vielfalt menschlicher Gesellschaften bei.