Weltpremiere mit Antimaterie-Transport geglückt
Autor: Christiane Oelrich, dpa
, Dienstag, 24. März 2026
Antimaterie-Bomben gehören ins Reich der Fantasie – doch auch die Wirklichkeit hat Spannendes zu bieten. Ein sehr spezieller Transport könnte die Erforschung des Universums verändern.
Es ist geglückt, was die Menschheit noch nie zuvor versucht hat: Antimaterie auf einem Lkw zu transportieren. Um kurz nach halb elf strahlt Physiker Stefan Ulmer am europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf. «Heute beginnt eine neue Epoche für Präzisionsmessungen», sagte er. Für ihn und sein Team ist es der Höhepunkt sechsjähriger Arbeit.
Die beiden Testrunden mit dem Lastwagen auf dem Cern-Gelände mit 92 Antiprotonen an Bord sind der Beweis, dass ein Transport funktioniert. Das nächste Ziel ist nun, in ein paar Jahren größere Mengen an Labore etwa in Düsseldorf, Hannover und Heidelberg zu transportieren. Dort sollen bis zu 1.000-mal präzisere Messungen durchgeführt werden als am Cern möglich.
Eines der größten Rätsel des Universums
All das, um eines der größten Rätsel des Universums zu lösen: Warum gibt es einen riesigen Überschuss an Materie? Beim Urknall, also der Geburtsstunde des Universums, muss nach allen physikalischen Erkenntnissen gleich viel Materie und Antimaterie entstanden sein. Im Universum kommt Antimaterie aber extrem selten vor. Bislang ist es in der Physik nicht gelungen zu erklären, warum sie fast vollständig verschwunden ist.
Ulmer und Christian Smorra von der Universität Düsseldorf, die das Projekt vorangetrieben haben, sind am Morgen angespannt. «Mein Puls ist auf 92, Ruhepuls ist eigentlich 60», sagt Ulmer zwischendurch. Da schwebt die transportable Penning-Falle an Industriekränen aufgehängt noch in Schneckengeschwindigkeit durch die Halle der «Antimaterie-Fabrik» auf dem Cern-Gelände. Sie wird mit aller Vorsicht auf einen wartenden Lkw geladen.
In der Halle werden Teilchen im Antiprotonen-Entschleuniger gebremst und gespeichert. Das Cern ist weltweit der einzige Ort, an dem eine solche Speicherung möglich ist. Vor diesem Tag hat nie eines der Antiprotonen die Halle verlassen.
Bombenvisionen aus dem Reich der Fantasie
Die geheimnisvolle Substanz hat die Fantasie von Romanautoren befeuert, wie den US-Autor Dan Brown. Er erfand in seinem Buch «Illuminati» eine Antimaterie-Bombe mit Material vom Cern, mit dem der ganze Vatikan in die Luft gesprengt werden sollte. «Gefahrenfantasien, wie sie in Hollywoodfilmen produziert werden, sind wissenschaftlich nicht unterlegt», betont der Direktor für Teilchenphysik am Forschungszentrum Desy in Hamburg, Ulrich Husemann, der am Cern-Experiment nicht beteiligt war.
Richtig ist zwar, dass Materie - also eigentlich alles, auch der Mensch - beim Kontakt mit Antimaterie in einem Lichtblitz zerstrahlen würde. Dafür bräuchte es aber billionenfach so viel wie am jetzt Cern transportiert wurde. Und das zu produzieren, wäre wegen des hohen Energiebedarfs unvorstellbar teurer und würde mit heutigen Mitteln Milliarden Jahre dauern, wie die Experten erläutern.