Auch den letzten Urlaub an Silvester hat sie kurz wieder vergessen, das Jahr ihrer Hochzeit kann sie nach langem Grübeln zumindest ungefähr nennen. Wenn sie erzählt, muss sie manchmal länger nachdenken und nach den richtigen Worten suchen. Geduldig lässt ihr Mann sie immer erst selbst überlegen, bevor er hilft. Manchmal zieht er sie liebevoll damit auf, wenn sie sich an etwas nicht erinnert. Von der Alzheimer Gesellschaft in Berlin bekommt das Paar Unterstützung. Der Verein bietet psychosoziale Beratungen, Angehörigengruppen, Schulungen und die Vermittlung ehrenamtlicher Helfer an.
Medikament nicht ohne Risiken
Kretschmann musste zahlreiche Tests und Untersuchungen durchlaufen, bis sicher war, dass sie eine Therapie mit Donanemab beginnen kann. Zu den Risiken beider Medikamente zählen Veränderungen im Gehirn – etwa Ödeme oder Mikroblutungen. Das Risiko sei bei Donanemab höher, sagt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Zudem weisen bisherige Analysen darauf hin, dass die Wirksamkeit bei Frauen teils geringer ausfallen könnte als bei Männern.
«Furchtlos und optimistisch»
Damit Veränderungen früh erkannt werden, muss Kretschmann während der Behandlungszeit regelmäßig ein MRT machen lassen. Trotz ihrer zarten Figur wirkt die Berlinerin außerordentlich robust. Sie ist fröhlich, lacht viel und wirkt lebensfroh. «Meine Frau macht eben alles, was möglich ist. Immer furchtlos und optimistisch», sagt ihr Mann. Wie das Medikament bei ihr wirke, bleibe abzuwarten, sagt Kretschmann. «Mir bleibt ja nüscht anderes übrig», sagt sie im feinsten Berliner Dialekt. Auch sonst nimmt sie alles stoisch hin, so scheint es. Auf die Frage, ob sie vor irgendetwas in der Zukunft Angst habe, antwortet sie voller Überzeugung mit «Nö!». Sie versuche, stets positiv zu bleiben. «Was kommt, kommt.»
Dass nicht alles immer leicht ist, merkt man dann aber doch in einigen Momenten. Als es darum geht, wie sie die Alzheimer-Diagnose vor vier Jahren aufgenommen habe, reagiert Kretschmann erst fast ein bisschen trotzig: «Ach, wir haben die angenommen, ganz einfach.» Ihr Mann wendet ein: «Na ja, es war schon niederschmetternd. Du hast geweint.» Sofort füllen sich die Augen seiner Frau jetzt mit Tränen. Sie kann nicht mehr weitersprechen, wirkt tieftraurig. Auch als es darum geht, wie viele Jahre ihr noch bleiben könnten, muss sie fast weinen.
Das Ehepaar hält zusammen
Wie geht es dem Ehemann mit der Krankheit seiner Frau? «Schlecht», antwortet er. Er habe Schlafstörungen und mache sich Sorgen, dass er selbst krank werden und sich nicht mehr ausreichend kümmern könnte. «Alles andere schaffen wir.»
Kretschmann hat keine Begleiterkrankungen, ein gutes Bildungsniveau, ist sozial gut eingebunden und nicht depressiv. All das seien Faktoren, die sich positiv auf den Verlauf der Krankheit auswirken könnten, sagt Buthut. Allerdings sei sie für eine Alzheimer-Patientin noch relativ jung. «Je jünger man ist, desto schneller schreitet die Krankheit voran.» Sie erlebe Kretschmann als optimistisch, zukunftsorientiert und kämpferisch. Aber Alzheimer sei nun einmal eine unheilbare Erkrankung, die früh in Abhängigkeit von anderen führe.
Sie hoffe, dass sich der geistige Abbau ihrer Patientin mit Hilfe des Medikaments in den kommenden Jahren verlangsame. Genau könne das aber niemand voraussagen. Wenn es keine Nebenwirkungen gebe, bekomme Kretschmann in den kommenden 18 Monaten alle vier Wochen eine Donanemab-Infusion - «in der Hoffnung, dass wir ihr damit Zeit schenken».
Die Alzheimer-Patientin und ihr Mann sind beide in Rente und genießen die freie Zeit. Sie reisen gerne. Letztes Jahr ging es in die Karibik. Die 57-Jährige möchte gerne noch mal nach Brasilien. Sie wünscht sich, dass das Medikament wirkt und ihre Alzheimer-Erkrankung nur langsam voranschreitet. «Und dass wir das Beste draus machen, wa?», sagt sie. «Wat anderes ist nicht.»