Adipositas in jungen Jahren: Sind Abnehmspritzen die Lösung?
Autor: dpa
, Samstag, 03. Oktober 2026
Bei einigen Kindern mit extremem Übergewicht haben die üblichen Therapieansätze keinen Erfolg. GLP-1-Medikamente können ihnen helfen, den Hunger zu bremsen, allerdings sind die Langzeitfolgen unklar.
Etwa zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig, von ihnen haben rund 800.000 die chronische Krankheit Adipositas. Könnten auch Minderjährigen die populären Abnehmspritzen helfen?
Für welche Kinder kommen Abnehmspritzen infrage?
Für Kinder und Jugendliche mit Adipositas sind zwei GLP-1-Medikamente zugelassen. Semaglutid wird einmal wöchentlich injiziert und kann ab zwölf Jahren eingesetzt werden. Liraglutid wird täglich verabreicht und ist unter bestimmten Voraussetzungen ab sechs Jahren zugelassen. Die neue Abnehmtablette ist bisher nicht für Kinder zugelassen.
«Eine medikamentöse Therapie kann ab dem zugelassenen Mindestalter in Betracht gezogen werden, jedoch nur als Ergänzung zu einer leitliniengerechten Lebensstilintervention», betont Kinder- und Jugendmedizinerin Susann Weihrauch-Blüher. Die medikamentöse Therapie sollte bei Minderjährigen mit extremer Adipositas erwogen werden, und zwar in spezialisierten Zentren unter klar definierten Kriterien. Dazu wurde die entsprechende ärztliche Leitlinie neu aufgelegt.
Wie viele Kinder betrifft das Problem?
Laut Daten der KiGGS-Studie haben in Deutschland etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht und 6 Prozent Adipositas. Hochgerechnet entspricht das knapp zwei Millionen Kindern mit Übergewicht, davon etwa 800.000 mit Adipositas und rund 200.000 mit extremer Adipositas. Allerdings wurden diese Daten zwischen 2015 und 2017 erhoben. Untersuchungen während der Corona-Pandemie deuteten auf eine Zunahme hin. Aktuell sei eine Stabilisierung auf hohem Niveau zu beobachten, so Weihrauch-Blüher.
Welchen Effekt haben die Abnehmspritzen?
Die Abnehmspritzen enthalten Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten (GLP-1-RA). Diese signalisieren dem Gehirn, dass gegessen wurde, wodurch ein Sättigungsgefühl entsteht. Außerdem bleibt Nahrung länger im Magen, was das Sättigungsgefühl verlängert. Die Patienten essen insgesamt weniger und nehmen dadurch ab.
Welche Nebenwirkungen gibt es?
Nach bisherigem Kenntnisstand ähneln die Nebenwirkungen bei Minderjährigen denen bei Erwachsenen. Möglich sind unter anderem Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Völlegefühl, Appetitlosigkeit und Durchfall. Für abschließende Aussagen über langfristige Risiken sei es aber noch zu früh, sagt die Adipositas-Expertin Weihrauch-Blüher. Die Wirkstoffklasse gibt es erst seit rund zwei Jahrzehnten, zunächst wurden solche Mittel zudem nur zur Behandlung von Diabetes Typ 2 eingesetzt. Langfristige Nebenwirkungen konnten daher bisher nicht erforscht werden. Bei Kindern und Jugendlichen sei dies besonders relevant, weil sich ihr Körper noch entwickle, das Längenwachstum oft nicht abgeschlossen sei und die Pubertät andauern könne, erläutert Weihrauch-Blüher.
Werden die Kosten übernommen?
Die Kosten müssen in der Regel die Familien tragen. Denn: Abnehmmittel gelten in Deutschland als Lifestyle-Arzneimittel und sind daher keine Leistung der Krankenkasse. Derzeit müssten Familien mit Kosten von rund 200 Euro pro Monat rechnen, sagt Weihrauch-Blüher, Professorin bei der Universitätsmedizin Halle.