Wie TikTok toxische Männlichkeit bei Jugendlichen befeuert
Autor: Mia Bucher (Text) und Annette Riedl (Foto), dpa
, Sonntag, 28. Juni 2026
TikTok-Trends setzen Jungs unter Druck, fragwürdige Männlichkeitsideale zu erfüllen - teils mit gefährlichen Methoden. Zwei Schüler erzählen, was das mit ihnen macht und wie ein Workshop geholfen hat.
Fast jeden Morgen schlägt sich Elias mit einem Hammer auf seine Gesichtsknochen. Bonesmashing nennt man diesen gefährlichen Social-Media-Trend. Den Knochen sollen dabei angeblich kleine Frakturen hinzugefügt werden, mit dem fragwürdigen Versprechen, sie würden danach kantiger zusammenwachsen und dem Gesicht einen markanteren und männlicheren Look verleihen. «Am Anfang hat es weh getan, aber jetzt nicht mehr wirklich», sagt der 15-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Elias heißt eigentlich anders. Um ihn zu schützen, wurde sein Name geändert.
Bonesmashing, rohe Eier trinken, ins Gym gehen, sich nicht von Frauen ablenken lassen – auf TikTok bekommen junge Männer wie Elias unablässig zu hören, was sie tun müssen, um attraktiver, stärker, männlicher zu werden. Die App ist voll mit solchen Videos von Influencern aus der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk frauenfeindlicher Online-Communities, das sich vor allem an junge Männer richtet, stereotype Männlichkeitsbilder propagiert und Frauen als Gegnerinnen darstellt. Elias sagt, jedes dritte bis vierte Video zeige ihm solche Inhalte. Er verbringt täglich bis zu acht Stunden auf TikTok, schätzt er. «Das macht irgendwas mit mir», gibt er zu.
Workshops an Schulen sollen Jugendlichen helfen
Warum springen junge Männer auf diese Inhalte an? Wie fängt man sie auf, hilft ihnen, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein korrektes Verhalten gegenüber Frauen zu entwickeln? Der Berliner Pädagoge Maximilian Schneider hat dafür kein Zauber-, aber ein sehr gutes Mittel: Er geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen und hört ihnen zu.
Schneider ist Referent für politische Bildungsarbeit beim Berliner Verein «Gesicht Zeigen!». Im Rahmen des Projekts «Die Freiheit, die ich meine» begleitet er Neuntklässler ein halbes Jahr lang. Er spricht mit ihnen über Identität, Diversität, Diskriminierung, Geschlechterrollen und Männlichkeit, zwei Schulstunden pro Woche, fest im Stundenplan verankert. Er und ein Kollege sprechen mit den Jungen, zwei Kolleginnen getrennt mit den Mädchen.
Viele Jungs hätten das Gefühl, Männer würden benachteiligt und diskriminiert, auch wegen des Feminismus, beobachtet der 33-Jährige. Alte Männlichkeitsbilder funktionierten nicht mehr, das verunsichere. Auf TikTok fänden sie scheinbar einfache Antworten auf komplexe Themen. «Du bist kein Einwechselspieler, du bist der Stürmer», schreit ein muskulöser Mann einem dort entgegen. «Frauen wollen von dir dominiert werden», erklärt ein anderer, oder: «Der einzige Weg zu gewinnen, ist ein Narzisst zu werden.» Manche TikToker rufen dazu auf, die Partnerin mindestens einmal in der Woche zu schlagen, damit sie wisse, wer der Mann im Haus sei.
«Entweder bricht der Knochen oder nicht»
Viele dieser Pseudo-Weisheiten sind zutiefst frauenfeindlich und faktisch falsch - etwa, die Behauptung über Mikrofrakturen beim Bonesmashing. Das sei sehr unwahrscheinlich, erklärt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. «Entweder bricht der Knochen oder nicht.» Begrenzte Absplitterungen - Mikrofrakturen, wie es auf TikTok genannt wird - werden so eher nicht entstehen. Sichtbare Veränderungen im Gesicht, die direkt nach der Manipulation entstehen, sind Folge der Weichteilschwellung und nicht durch eine Veränderung der Knochenstruktur bedingt, wie Wiltfang erklärt, der Post-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) ist. «Die Haut und das darunter liegende Weichgewebe werden lokal geschädigt und schwellen an.» Es könnten Blutergüsse und offene Wunden entstehen, die Narben hinterlassen könnten. «Wir raten davon ab.»
Nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug
Die Inhalte aus der Manosphere vermittelten ein sehr eindeutiges Bild von Männlichkeit, erklärt Schneider. Deswegen komme das so gut bei jungen Männern an. «Der Mann ist der Ernährer, der Mann ist dominant, der Mann ist kontrolliert», fasst Schneider einige der Kernbotschaften zusammen. Die Teenager-Zeit sei eine fragile Phase, Jugendliche seien anfällig für Informationen, die vermeintlich mit sehr klaren Handlungsanweisungen versehen sind. Die Clips versprächen Lösungen für Erfolg und Anerkennung. «Und danach sehnt sich jeder Mensch. Jeder Mensch will Anerkennung bekommen.»