Warum in Pakistan Morde an Frauen kaum verfolgt werden
Autor: Zia Khan und Mathis Richtmann, dpa
, Dienstag, 14. Juli 2026
Vor zehn Jahren wurde in Pakistan die Influencerin Qandeel Baloch getötet. Der Mord stieß eine Debatte und Gesetzesänderungen im Land an. Doch geändert hat sich wenig. Warum?
Es ist eine traurige Statistik: Mindestens 470 ermordete Frauen zählten Menschenrechtler in Pakistan im Jahr 2025 - getötet von ihren Vätern, Brüdern oder Söhnen. Die Fälle werden in einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Human Rights Commission Pakistan wie in anderen Berichten im Land auch als «Ehrenmorde», also Morde vermeintlich im Namen der Ehre, ausgewiesen. Dagegen regt sich Widerstand.
«Es ist keine Frage der Ehre», sagt Samar Minallah, «es handelt sich um vorsätzlichen, kaltblütigen Mord, der vom Wunsch nach Kontrolle und Besitz getrieben ist». Die pakistanische Anthropologin fordert, den Begriff der «Ehre» für solche Statistiken zu streichen. In Seminaren für Polizeianwärter schult sie deren Blick für die grassierende Gewalt gegen Frauen.
Vor bald zehn Jahren, am 15. Juli 2016, erregte der Mord an der Influencerin Qandeel Baloch viel Aufsehen in Pakistan. Ihr Bruder hatte gestanden, Baloch aus Wut wegen angeblich unzüchtiger Videos getötet zu haben. Ein Gericht hob seine Verurteilung später auf, nachdem die Eltern den Sohn unter einer umstrittenen Klausel begnadigt hatten.
UN: Jeden Tag 137 Frauen und Mädchen getötet
Immer häufiger setzt sich der Begriff Femizid für die Gewaltverbrechen durch. Femizid bedeutet, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet werden – also weil sie Frauen sind. Als häufigste Form gilt die Tötung von Frauen durch Partner oder Ex-Partner.
Auch die Frauenorganisation der Vereinten Nationen nutzt die Bezeichnung. In zuletzt erhobenen Zahlen heißt es, dass weltweit täglich 137 Frauen von Angehörigen ermordet werden.
Bei der Vorstellung der Statistik im vergangenen Jahr sagte die Politikchefin der Organisation UN-Women, Sarah Hendriks: «Femizide passieren nicht in Isolation. Sie sind oft Teil einer Kette von Gewalt, die mit kontrollierendem Verhalten, Drohungen und Belästigungen - auch im Internet - beginnen kann».
Junge Frau und 16 Monate altes Kind getötet
In Jabba im Norden Pakistans wurde Rabia Shah im vergangenen Jahr Opfer. «Ich habe alles hilflos mit angesehen», sagt ihre Schwiegermutter Nasreen Bibi. Onkels und Cousins von Shah seien bewaffnet in das gemeinsame Haus eingedrungen und hätten sich gegen die junge Frau gewandt. «Onkel, bitte töte mich nicht», habe die junge Frau noch geschrien, erzählt Bibi. Aber der Mann habe mehrfach auf Shah geschossen. Dann habe er seine Waffe auf die 16 Monate alte Tochter im Kinderwagen gerichtet und auch sie getötet.