Warme Füße und Reisbrei: Warum China plötzlich Trend ist
Autor: Johannes Neudecker, Julia Cebella und Khang Mischke, dpa
, Montag, 02. März 2026
Morgens schon mit Reisbrei starten, dazu vielleicht warmes Wasser? Alltagsroutinen aus China sind im Netz gerade angesagt. Woher der Trend kommt und was ausgerechnet Donald Trump damit zu tun hat.
Langsam gibt die junge Frau chinesische Datteln in heißes Wasser, dazu Rosenblüten, Goji-Beeren und eine Scheibe Zitrone. Fertig ist das Heißgetränk nach chinesischem Vorbild. «Meine Morgenroutine seit ich Chinesin geworden bin», nennt die Tiktokerin aus Frankfurt am Main das Ganze. Mit dem Rezept will sie andere dazu inspirieren, auch chinesisch zu werden, oder, um es mit dem dahinter versteckten Trend zu sagen: «turning chinese» oder «becoming chinese».
Im Netz verbreiten sich Videos dieser Art gerade zuhauf. Auf Instagram und Tiktok zeigen vor allem junge Menschen, wie sie Gewohnheiten aus dem Alltag von Chinesinnen und Chinesen übernehmen: Mit warmem Wasser und Knochenbrühe in den Tag starten oder traditionellen Reisbrei kochen. Am Abend darf für die Verdauung ein Apfel-Tee nicht fehlen. Die Füße sollen dank Hausschuhen stets warm bleiben.
Ist China plötzlich cool?
Die Rituale basieren auf traditioneller chinesischer Medizin. Davon verspricht sich auch die Internetgemeinde in Deutschland einen gesünderen Lebensstil. Doch warum scheint China, das sonst wegen seiner autoritären Regierung, Menschenrechtsverletzungen oder unfairen Wirtschaftspraktiken in der Kritik steht, plötzlich im Trend zu sein?
Wie so oft kommt der Trend aus den USA. Von dort breitete sich die China-Romantisierung nach Europa aus. Als Ausgang wird ein vielfach geteilter Beitrag genannt, der in Anlehnung an ein Zitat aus dem Film «Fight Club» lautet: «You met me at a very chinese time of my life» (etwa: Du hast mich zu einer sehr chinesischen Zeit meines Lebens getroffen). Unter diesem Motto vervielfältigte sich der Trend, der auch unter «Chinamaxxing» geläufig ist - eine Wortschöpfung aus dem Videospiel-Bereich, bei dem man aus einem Charakter maximale Fähigkeiten herausholt.
Experte: Trend zeigt Sehnsucht nach Balance
«Gleich mehrere Entwicklungen tragen zur derzeitigen Popularität bei», erklärt Ulrich Köhler von der Beratungsfirma Philoneos. Dem Trendexperten zufolge erleben viele Menschen ihre westliche Lebenswelt als hektisch, schnell und unausgeglichen. Dadurch sei eine Sehnsucht nach Balance, Achtsamkeit und alternativen Lebensstilen entstanden, sagt Köhler.
«Auf der anderen Seite erleben wir medial eine positive Aufwertung von Themen rund um China.» Kritische Themen spielten in der Berichterstattung nur noch eine Nebenrolle. Im Vordergrund stünden die Faszination über technologische Fortschritte sowie die sichtbare Ordnung und Sicherheit weiter Teile der Gesellschaft, sagt Köhler.
Was Trump damit zu tun hat
Einige Beobachter bemerken auch, dass der Trend weniger mit der Volksrepublik China als Staat, sondern mit China als Kultur zu tun hat. In den USA wird hinter dem Aufkeimen des Trends auch der Regierungswechsel in Washington vermutet. Gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit strebte Präsident Donald Trump ein Tiktok-Verbot an. Die Entscheidung löste unter jenen Nutzern, die mitunter als Lebensunterhalt Inhalte auf der Plattform veröffentlichen, einen kurzzeitigen Exodus zum chinesischen Instagram-Pendant «Xiaohongshu» (kleines rotes Buch) aus.