Die Anwälte kritisieren die Hetze, der ihre Mandanten ausgesetzt seien. Dazu beigetragen hätten Falschbehauptungen, etwa, dass Jessica Moretti sich nach dem Brandausbruch mit der Kasse aus dem Staub gemacht habe, aber auch Äußerungen von Opferanwälten, sagten die Anwälte der Zeitung «Le Nouvelliste». Das schüre Hass auf die Morettis, obwohl es sich um einen Unfall gehandelt habe.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen den aktuellen und den ehemaligen Sicherheitsbeauftragten der Gemeinde, weil in der Bar seit 2019 keine der jährlich vorgeschriebenen Brandschutzkontrollen stattfanden.
In der Kritik steht auch Gemeindepräsident Nicolas Féroud, der nicht erklären konnte, warum die Kontrollen nicht stattgefunden haben. Im Gesetz stehe nichts über eine Kontrolle von Materialien wie Schaumstoff, und für den Innenumbau der Bar mit Verkleinerung der Treppe sei keine Genehmigung nötig gewesen, sagte er. Er wurde zum Buhmann, weil er sich nicht öffentlich bei den Opfern entschuldigte.
Nach Medienberichten hatte ein IT-Fachmann, der die Feuerwehr-Software im Kanton betreute, Vorgesetzte erpresst, die ihn entlassen wollten. Er sei 2023 festgenommen worden. Weil die Software erneuert werden musste, seien Daten verloren gegangen und Kontrollen vernachlässigt worden.
Die Ermittlungen
Im Strafverfahren geht es um fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung. Angehörigen kommt die Arbeit der vier Staatsanwältinnen viel zu langsam voran. Oberstaatsanwältin Beatrice Pilloud informiert wenig. «Das Verfahren findet im Sitzungssaal statt, nicht in den Medien», sagt sie.
Die 50 Anwälte, die rund 130 Opfer und Angehörige vertreten, werfen Pilloud vor, Beweise nicht gesichert und Jacques Moretti zu spät festgenommen zu haben. Sie habe keine Durchsuchung bei der Gemeinde angeordnet.
Dass Moretti gegen Kaution auf freien Fuß kam, empörte die Italiener derart, dass sie ihren Botschafter aus der Schweiz abzogen. Inzwischen hat Pilloud italienischen Behörden direkte Zusammenarbeit zugesichert. Unter Hinweis auf die Versäumnisse verlangt ein Rechtsanwalt, die Staatsanwältinnen von dem Fall abzuziehen. Darüber muss nun das Kantonsgericht entscheiden.
Die «Walliserei»
Die Barbesitzer waren mit den meisten Amtsträgern in Crans-Montana auf Du und Du. Das ist üblich in kleinen Gemeinden im Kanton Wallis, wo praktisch jeder jeden kennt und viele über Vereine oder Parteizugehörigkeit vernetzt sind. Das erhöht die Gefahr von Filz, sagen Anwälte. Im Wallis gibt es einen spöttischen Begriff dafür, die «Walliserei».
Zwei Beispiele: Die Oberstaatsanwältin und der Gemeindepräsident sind in derselben Partei und derselben Weinbruderschaft «Orden der Kanne», in der sich Würdenträger aus Gesellschaft und Politik zum zwanglosen Austausch treffen. Der ehemalige Datenschutzbeauftragte des Kantons will auf die fehlende Datensicherheit bei der Feuerwehr-Software hingewiesen haben, heute vertritt er als Anwalt Opferfamilien.