Tour durch Delhi: Wenn Straßenkinder zu Stadtführern werden
Autor: Dirk Godder, dpa
, Samstag, 01. August 2026
Wie der Salaam Baalak Trust Kindern in Delhi neue Chancen eröffnet – und warum Stadtführungen dabei eine wichtige Rolle spielen.
In den engen Gassen von Paharganj vermischen sich die Gerüche von Garküchen, Räucherstäbchen und verrottendem Müll. Über den Gebäuden hängt ein dichtes Geflecht von Stromleitungen. In der sommerlichen Regenzeit läuft das Wasser oft nur langsam ab, die Menschen waten teils durch Pfützen und Schlamm. Das quirlige Viertel im Zentrum der indischen Hauptstadt Neu-Delhi ist zugleich bekannt für seine vielen billigen Hotels und Hostels sowie ein buntes Markttreiben mit Straßenständen, günstigen Souvenirshops und Restaurants.
Zahlreiche Kinder und Jugendliche arbeiten hier auf den Straßen oder leben allein oder mit Freunden und Familie in der Umgebung des Neuen Bahnhofs Neu-Delhi, erzählen die 18-jährige Shivani und der 24-jährige Jafar. Beide arbeiten für den Salaam Baalak Trust und führen Touristen durch Paharganj. «Sozialarbeiter des Trust kommen hier jeden Tag in der Absicht, Kinder zu retten», sagt Jafar.
«Für diese Kinder gibt es oft keine andere Wahl als zu arbeiten. Sie sammeln Lumpen, arbeiten in kleinen Restaurants, putzen Schuhe oder reinigen Autoscheiben», erzählt Shivani. Eltern oder Kinder müssten häufig erst überzeugt werden, in das Programm aufgenommen zu werden. Das gelinge nicht immer, denn die Kinder seien oft eine wichtige Einnahmequelle der Familien.
«Verborgen und unsichtbar»
Die New Delhi Train Station ist einer der wichtigsten Fernbahnhöfe der Stadt. Viele Kinder, die von zu Hause weglaufen oder von ihren Familien getrennt werden, kommen dort erstmals in Delhi an und übernachten auf Bahnsteigen oder in der Nähe. Andere reisen mit ihren Familien aus Bundesstaaten wie Assam, Bihar oder Uttar Pradesh an - in der Hoffnung auf ein besseres Auskommen.
Wie viele Straßenkinder es in Indien gibt, ist unbekannt. Oft wird eine schon einige Jahre alte Schätzung der staatlichen Kommission für den Schutz von Kinderrechten genannt, wonach etwa 1,5 bis 2 Millionen Kinder auf der Straße leben könnten. Andere gehen von deutlich höheren Zahlen aus, weil viele Kinder keine Ausweisdokumente besitzen oder in die Fänge krimineller Banden geraten. «Gangs am Bahnhof oder an den Bushaltestellen warten auf die Kinder», sagt Jafar. Laut der Hilfsorganisation Leher werden Straßenkinder in Indien oft als «verborgen» oder «unsichtbar» beschrieben.
Brennpunkt Bahnhof