Selfie auf dem Gipfel: Honnold bezwingt Wolkenkratzer
Autor: Fabian Kretschmer und Jens Marx, dpa
, Sonntag, 25. Januar 2026
Oben angekommen löst sich auch bei dem erfahrenen Freikletterer die Anspannung. Alex Honnold hat den Taipeh 101 erklommen. Die Live-Übertragung hatte schon zuvor für massive Kritik gesorgt.
Angekommen auf der kleinen Kuppel in 508 Metern Höhe löste sich auch bei Star-Freeclimber Alex Honnold die ganze Anspannung. Mit einem breiten Grinsen machte der 40 Jahre alte US-Amerikaner den letzten und entscheidenden Schritt, unten am Fuße des Wolkenkratzers Taipeh 101 jubelten die Fans. «Die größte Herausforderung für mich war es, ruhig zu bleiben», sagte Honnold etwas später: «Ich war ein wenig nervöser, als ich vom Boden los geklettert bin.»
Umarmung mit der Ehefrau: «Wir müssen den Kindern Hallo sagen»
Von außen war davon jedoch auch nach der Geduldsprobe durch die Verschiebung um einen Tag wegen Regens wenig zu spüren. Um 09:12 Ortszeit begann Honnold hoch konzentriert seine waghalsige Aktion - live übertragen in die ganze Welt vom Streamingdienst Netflix. Anderthalb Stunden brauchte er schließlich für den spektakulären Aufstieg entlang der Fassade des pagodenartig gebauten und einst sogar höchsten Wolkenkratzers der Welt - und das ohne Seil, ohne Netz oder sonstige Absicherung.
Am Ziel eines Lebenstraumes zupfte er im strammen Wind in Taiwans Hauptstadt an diesem größtenteils sonnigen Sonntagmorgen Ortszeit immer wieder an seinem T-Shirt, das obligatorische Selfie durfte auch nicht fehlen. Mit einer innigen Umarmung empfing ihn dann auch seine Ehefrau Sanni McCandless Honnold: «Wir müssen den Kids noch Hallo sagen», meinte sie nach dem gemeinsamen Selfie.
Auf der 60. Etage waren sie sich bereits begegnet - sie drinnen mit dem Daumen nach oben, er außen an der Fassade. Auch sonst verfolgten Schaulustige den Aufstieg hinter den Glasfassaden der Bürofenster. Nicht wenige hielten die Momente mit dem Smartphone fest, andere bunte Plakate mit Durchhalteparolen hoch.
Es sei cool, die Erfahrung mit all den Leuten zu teilen, sagte Honnold anschließend bestens gelaunt und frisch geduscht bei seiner Pressekonferenz. Um sich besser fokussieren zu können, hörte er bei der Kletteraktion über weite Strecken allerdings Musik - Metal-Klänge von der US-Band Tool.
Übertragung des Spektakels hatte für Kritik gesorgt
Die Live-Übertragung hatte vorher auch für massive Kritik gesorgt. Denn schon im Trailer hatte Netflix gezielt Spannung damit erzeugt, dass es bei dem waghalsigen Spektakel letztlich um Leben und Tod ging. «Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar», sagte etwa der deutsche Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky dem Schweizer Rundfunksender SRF.
«Wenn du fällst, stirbst du», hatte Honnold selbst vor der Kletteraktion gesagt. Kritik an seinem Wolkenkratzer-Projekt könne er «total verstehen». Aber wenn andere Freeclimber die Möglichkeit bekämen, das zu klettern, würden sie es auch tun. Für ihn war es ein Lebenstraum.