Eine «Warnung an die Welt»: Nepalesen kämpfen ums Überleben
Autor: Dirk Godder und Roshan Sedhai, dpa
, Freitag, 25. Sept. 2026
Die verheerende Sturzflut hat in Nepal Tausende Menschenleben verändert. Wie Betroffene mit Trauer, Unsicherheit und dem langwierigen Wiederaufbau umgehen müssen.
«Es tut weh, wenn die Enkelkinder nach ihren Eltern fragen»: Auch einen Monat nach der Sturzflutkatastrophe in Nepal und Tibet können viele Betroffene das Geschehen noch immer kaum begreifen. Sie versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, wie die 54-jährige Nepalesin Chameli Tamang berichtet. Doch Schmerz und Trauer über den Verlust ihrer Tochter, ihres Schwiegersohns und weiterer Verwandter, die am 26. August von der Flutwelle weggerissen wurden und seitdem als vermisst gelten, überwiegen. Ihre beiden Enkel im Alter von fünf und acht Jahren wüssten noch immer nicht, was mit ihren Eltern passiert sei.
Tamang überlebte, weil sie sich rechtzeitig auf einen Berghang vor der Sturzflut aus den Gletschergebieten des Himalaya retten konnte. Von ihrem Besitz im Heimatdorf Sallitar in der an Tibet grenzenden Provinz Bagmati sei nichts geblieben. Dort betrieb sie unter anderem eine Ziegenfarm. «Wir sind jetzt ohne Land und Zuhause.»
Suche nach Vermissten
Wie Tamang hoffen viele Familien, dass die Leichen vermisster Angehöriger noch gefunden werden, damit sie diese bestatten und einen emotionalen Abschluss finden können. Seit der Flut verbrächten sie ihre Zeit damit, «nach ihnen zu suchen und in den Klöstern Gedenklichter für die Verstorbenen zu entzünden», sagt Tamang. «Was sollen wir jetzt tun?»
Die Zahl der Todesopfer wird vom nepalesischen Katastrophenschutz auf mehr als 1.450 beziffert. Allein in Nepal werden mehr als 5.700 Menschen vermisst. Nach Angaben der Regierung löste eine Eis- und Felslawine etwa 20 Kilometer flussaufwärts des Grenzübergangs Rasuwagadhi die Katastrophe aus. Eine Bergflanke mit einem Gletscher im Grenzgebiet von Nepal und China war abgebrochen und hatte eine gewaltige Flutwelle aus Wasser, Eis und Geröll ausgelöst. Betroffen waren die Bezirke Rasuwa, Nuwakot, Dhading, Gorkha und Chitwan mit insgesamt 1,6 Millionen Einwohnern.
«Psychisch völlig überfordert»
Während die Behörden bereits den Wiederaufbau planen, benötigen viele Betroffene psychologische Hilfe. «Alles geschah völlig unerwartet. Deshalb und aufgrund des Ausmaßes der Katastrophe stehen die Menschen unter Schock - sie sind verstört, unruhig und psychisch völlig überfordert», sagt Yasoda Rijal, die in der Gemeinde Bidur psychosoziale Beratung für Menschen in Notunterkünften anbietet.
Viele litten noch immer unter schwerer psychischer Belastung. «Sobald jemand von Überschwemmungen, Bächen, Flüssen oder Schluchten spricht, geraten sie in panische Angst.» Bei manchen könnten posttraumatische Belastungsstörungen auch noch Wochen nach dem Ereignis auftreten.
Die Gemeinden benötigen deshalb langfristige Hilfe. Behörden erstellten eine Liste der Menschen, die diese auf Dauer brauchen werden, sagt Kaisang Nurpu Tamang, Vorsteher der Gemeinde Gosaikunda im Distrikt Rasuwa. «Es ist ein Monat vergangen, doch es gibt immer noch Menschen, die nicht einmal wissen, wo sie sich befinden oder was ihnen widerfahren ist.»