Strandgast mit Kultstatus: Libanons liebster Pelikan
Autor: Amira Rajab, dpa
, Dienstag, 18. August 2026
Einatmen, ausatmen, Schnabel zu: Im Libanon gibt es einen ganz berühmten Yoga-Gast. Es ist eine Pelikan-Dame. Sie ist zum beliebten Maskottchen einer ganzen Stadt geworden.
«Madame, es ist Zeit aufzustehen. Die Klasse beginnt jetzt. Du versperrst den Platz für die Teilnehmerinnen.» Ein kurzer Blick, doch keine Bewegung in Sicht. Yoga-Lehrerin Alik Ohanian klatscht in die Hände und tippt auf den Platz vor sich - ein Zeichen, um die Angesprochene zum Aufstehen zu bewegen. Doch noch rührt sie sich nicht.
Es ist Samstagmorgen in der libanesischen Küstenstadt Batrun im Norden des Landes. In der Bucht am Hafen sind neun Stand-up-Paddel in symmetrischer Form gegenüber voneinander aufgereiht, das von Ohanian schwimmt in der Mitte. Hier findet heute Yoga auf dem Meer statt. Zu Gast ist - wie jeden Samstag - Libanons berühmte Pelikan-Dame.
«Pelikanchen», wie sie mittlerweile liebevoll genannt wird, ist der wohl berühmteste Vogel im Libanon, obwohl Pelikane hier nicht einmal heimisch sind. In Batrun ist sie eines Tages während des Vogelzugs zwischen Europa und Afrika gestrandet. Der Libanon liegt auf der Migrationsroute der Zugvögel. «Sie ist hier zwischengelandet», sagt der Meersalzproduzent und Restaurantbetreiber Assal Assal. Zu ihm wurde das Tier im Herbst 2023 gebracht, als man sie verletzt an der Küste vorfand.
Verfangen im Stacheldrahtzaun
«Ich habe gedacht, sie überlebt das nicht», sagt Assal. Sie habe sich damals in einem Stacheldrahtzaun verfangen. Nach einem Tierarztbesuch und ein paar Tagen des Aufpäppelns sei sie jedoch immer mehr zu Kräften gekommen. «Sie kann zwar wieder fliegen, aber sie hat sich in Batrun verliebt.»
Heute spaziert sie wie selbstverständlich täglich durch den kleinen Mittelmeerort, begrüßt die Bewohner und Besucherinnen im watschelnden Gang. Batrun ist der wohl beliebteste Strandort im Libanon. Hier zieht es nicht nur «Pelikanchen» hin, sondern besonders am Wochenende gefühlt das ganze Land. Wer den Libanon besucht, kommt um einen Besuch in Batrun nicht herum.
Hier reiht sich Strandclub an Strandclub, Café an Café, Restaurant an Restaurant, Bar an Bar. Durch die engen Gassen der historischen Altstadt und den alten Suk - den alten Markt - schieben sich am Wochenende die Besucherinnen und Besucher. Blaue, rote oder gelbe Vespas cruisen durch den Ort. Entlang der Küste erstreckt sich eine historische Seemauer, deren Ursprünge bis in die Zeit der Phönizier zurückreicht. Heute ist Batrun besonders bekannt für seine Zitronenlimonade. «Pelikanchen» kennt sie alle - die Hotspots der Stadt.
Spaziergang am Strand, Kanufahrt an der Küste, Yoga auf dem Meer
«Sie spaziert herum und weiß, dass die Leute ihre Anwesenheit genießen», sagt Assal. Anfangs sei sie scheu gewesen, doch nach bald drei Jahren in Batrun habe sie ihre Routinen entwickelt: Am Morgen am Hafen, dann watschelt sie eine kleine Runde an der Strandpromenade entlang und macht danach gerne auch mal einen kurzen Abstecher aufs Meer. Da setzt sie sich bevorzugt mit auf ein Kanu und lässt sich entlang der Küste schippern. Am Wochenende dann eben die Yoga-Klassen.