Jubel und Zweifel – Wie geht’s weiter mit dem Wal?
Autor: Annett Stein, dpa
, Mittwoch, 29. April 2026
Der Wal ist auf dem Weg zur Nordsee - und viele Menschen jubeln. Die Reaktion mag verständlich sein. Doch sehr wahrscheinlich wird das geschwächte Tier nun im offenen Meer sterben, sagen Experten.
In eine Art stählernes Aquarium gesperrt wird der Poeler Buckelwal nach Wochen im Flachwasser Richtung Nordsee geschleppt. Dort soll er vom Kahn schwimmen – wo genau, stand nach Angaben der Privatinitiative hinter dem Transport zunächst nicht fest. Vor der Abfahrt konnte der Eindruck entstehen, die gesamte Aktion könne mit dem Verladen des Wals schon als geglückt gelten. Doch stimmt das? Ein Überblick über die Lage:
Ende gut, alles gut?
Jubel, Umarmungen, Tränen: Nachdem der Wal am Dienstag erfolgreich in die Barge getrieben war, konnte man den Eindruck gewinnen, die Aktion sei nun mit vollem Erfolg abgeschlossen. «Der Versuch ist gelungen», sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus auch am Mittwoch noch einmal. Tatsächlich war das Verladen aber nur ein Zwischenschritt: Noch muss der Wal den tagelangen Transport um die Nordspitze Dänemarks herum durch das Skagerrak überstehen – und vor allem muss er langfristig überleben.
Nach der langen Liegezeit sei fraglich, ob der Wal noch normal schwimmen und tauchen könne, sagte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. Auch die Frage nach der Nahrungsaufnahme stelle sich wegen der in seinem Maul gefundenen Netzteile.
Aus Gewässern vor Großbritannien und Kanada sei bekannt, dass Bartenwale, die Netzreste in ihren Barten haben, die Nahrungsaufnahme vollständig verweigern, hieß es vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. «In diesen Gebieten strandeten auch Bartenwale, die große Mengen an Netzresten im Magen hatten, was die Nahrungsaufnahme ebenfalls verhinderte.»
Was vermuten Experten zum Ausgang?
Der Poeler Buckelwal war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden. In den etwa 60 Tagen seither lag er zu rund zwei Dritteln der Zeit in Flachwasserzonen.
«In verschiedenen Regionen der Welt ist dokumentiert, dass Großwale bei ausgeprägter Erschöpfung vermehrt flache Küstengewässer mit weichem Untergrund aufsuchen», erklärte das Deutsche Meeresmuseum. Als der Wal sich noch frei in den Gewässern von Mecklenburg-Vorpommern bewegt hat, suchte er bereits ausschließlich Küsten- und Flachwassergewässer auf.
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betont: «Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befindet und dort langfristig überlebt; sich seine Haut wieder vollständig erholt hat; er wieder eigenständig auf Nahrungssuche geht und an Gewicht zunimmt; und seinem natürlichen Verhalten nachgeht.»