Höchststrafe für Palliativarzt - «Er ist ein Serienmörder»
Autor: Anne Baum und Marion van der Kraats, dpa
, Mittwoch, 08. Juli 2026
Bei Hausbesuchen hat ein Arzt immer wieder Patienten getötet. Zunächst ging es um vier Fälle, angeklagt wurden 15 Morde. Ein erstes Urteil liegt vor. Das Gericht geht von vielen weiteren Opfern aus.
Seine Opfer waren schwer krank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor: Patienten, die sich in die Hände des Palliativarztes in Berlin begeben hatten, um Schmerzlinderung zu erfahren in ihren letzten Lebensmonaten. Doch der Mediziner «erhob sich über Leben und Tod», so das Landgericht Berlin. Wegen 15-fachen Mordes verurteilte es den 41 Jahre alten Deutschen zur Höchststrafe.
Das Gericht verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Zudem ordnete es nach der Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung an und sprach ein lebenslanges Berufsverbot aus. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
Richterin: «Die Patienten wollten leben»
«Die Patienten wollten leben», betonte die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch bei der Urteilsverkündung. «Die Taten haben nichts mit Palliativmedizin oder Sterbehilfe zu tun.» Der Angeklagte habe die Tätigkeit in dem Bereich gewählt, um töten zu können - heimtückisch und aus niederen Beweggründen.
In den Taten zeige sich eine «tiefgreifende Gleichgültigkeit gegenüber der Würde und des Wertes des Lebens schwer kranker Menschen». Ein Hang zum Töten liege vor, das Gericht gehe von einer Gefährlichkeit aus.
Nach Überzeugung der Richterinnen und Richter hat der Angeklagte von 2021 bis 2024 zwölf Frauen und drei Männern jeweils ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente verabreicht. Jüngstes Opfer ist laut Urteil eine 25-Jährige, ältestes eine 94 Jahre alte Frau. Alle waren schwerstkrank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor.
«Nur Spitze des Eisbergs»
Es sei ein außergewöhnliches Verfahren wegen der ungeheuerlichen Vorwürfe, so die Richterin. «Unfassbar war nicht nur die Anzahl - 15, er ist ein Serienmörder. Wahrscheinlich ist es nur die Spitze des Eisbergs», sagte Busch weiter. Es bestehe der Verdacht, «dass darüber hinaus noch viel mehr Menschen durch die Hand des Angeklagten gestorben sind». Er habe in einem Telefongespräch zu seiner Frau gesagt, er habe schon lange getötet.
Unfassbar ist aus Sicht des Gerichts, dass es sich bei dem 41-jährigen Deutschen um einen nach außen freundlich auftretenden Arzt und Familienvater handelt. Unfassbar sei auch die Motivlage. «Nicht aus Mitleid, nicht aus falsch verstandener Sterbehilfe oder Überforderung» habe er die Taten begangen, so die Richterin. Der Angeklagte habe getötet, «weil er unbehelligt dazu in der Lage war» und um als «selbstunsicherer Mensch daraus ein Gefühl größtmöglicher Macht» zu erlangen.