Mit Hilfsflügen über den Dschungel ins Erdbebengebiet
Autor: Philipp Znidar, dpa
, Sonntag, 16. August 2026
Mit einer Propellermaschine fliegt der Deutsche Gerhard Thyben Hilfe in abgelegene Orte an Kolumbiens Pazifikküste. Nach dem Erdbeben sind viele abgelegene Gemeinden nur per Flugzeug erreichbar.
Unter der einmotorigen Propellermaschine liegt der dichte, sattgrüne Regenwald des kolumbianischen Pazifikraums. An Bord sind Medikamente, Windeln und Toilettenpapier für Menschen, die nach dem schweren Erdbeben vom vergangenen Montag dringend Hilfe brauchen - doch auf dem Landweg nicht zu erreichen sind. Ziel ist Pizarro, ein abgelegenes Fischerdorf im Departamento Chocó nahe dem Epizentrum.
Am Steuer des kleinen Flugzeugs sitzt der Deutsche Gerhard Thyben, ehemaliger Honorarkonsul und Vorstandsmitglied der Deutschen Schule in Cali. Für ihn ist der Flug mehr als ein Hilfseinsatz. «Ich kann meine Leidenschaft zum Fliegen hier voll ausnutzen und an die verschiedensten Orte kommen, die völlig abgeschnitten sind», sagt er der Deutschen Presse-Agentur. «Das gibt eine unheimliche Genugtuung.»
Kurz darauf landet die Maschine in Pizarro. Die schwüle Hitze ist sofort zu spüren. Zwischen einfachen, meist einstöckigen Häusern ziehen sich unbefestigte Wege durch den Ort, dahinter beginnt der dichte Regenwald. Pizarro liegt in einer der niederschlagsreichsten Regionen der Welt, direkt an der Pazifikküste. Die Bevölkerung ist überwiegend afro-kolumbianisch geprägt, viele Menschen leben von Fischerei und Landwirtschaft.
Einige Gebäude haben durch das Beben Schäden davongetragen. Vielerorts sind Risse in den Häusern zu sehen. Die Zerstörungen sind allerdings weniger gravierend als in den besonders stark betroffenen Städten wie Cali und anderen Orten in der Region. «Pizarro selbst ist ja nicht so in Mitleidenschaft gezogen worden, aber es gab zwei Tote», sagt Thyben. Ein Grund könnte sein, dass Pizarro überwiegend aus kleinen, einstöckigen Häusern besteht und es kaum größere Gebäude gibt.
Das Beben ist dennoch unmittelbar präsent. Der Bewohner Alexander Moreno erinnert sich an den Moment. «Die Leute sind gerannt, alle verzweifelt, um ihre Familien zu suchen», erzählt er. Er selbst habe nicht gewusst, ob er bei seinen Eltern bleiben oder zur Schule fahren solle, um seine Kinder zu holen. «Die Wahrheit ist, es war eine sehr schwierige Situation für mich.»
Abgeschnitten vom Rest des Landes
Pizarro liegt an der Mündung des Río Baudó direkt am Pazifik. Wer von hier in die größere Stadt Buenaventura will - den wichtigsten Hafen Kolumbiens an der Pazifikküste -, muss mehrere Stunden mit dem Boot unterwegs sein. Eine Straßenverbindung gibt es nicht.
Genau diese Abgeschiedenheit macht die Versorgung nach dem Erdbeben schwierig. Von Pizarro aus werden die Hilfslieferungen auch in weitere besonders betroffene ländliche Gebiete gebracht. Ein Gemeindemitglied koordiniert die Lieferungen, die dann etwa mit dem Boot oder Motorrad in die einsamen Gegenden gebracht werden.