Mit Herz und Händen - Metzger lernt Gebärdensprache
Autor: Irena Güttel, dpa
, Mittwoch, 17. Juni 2026
In seiner Freizeit bringt sich Yevgeniy Klibanov Gebärdensprache bei, um sich mit seinen gehörlosen Kunden unterhalten zu können. Das verändert einiges.
Metzger Yevgeniy Klibanov liebt es, sich mit seinen Kunden zu unterhalten, wenn er Wurst in Scheiben schneidet oder Fleisch abwiegt. Dann lächelt er über das ganze Gesicht und holt weit mit den Armen aus. Bei zwei seiner Stammkunden ging das jedoch lange Zeit nicht: Die beiden Männer sind gehörlos. Deshalb lernt der 39-Jährige in seiner Freizeit seit etwa einem Jahr Gebärdensprache.
Um die 95 Wörter und Begriffe beherrsche er mittlerweile, sagt Klibanov. «Ich bin noch in der Lernphase», gibt er zu. Aber für kleine Gespräche etwa über das Wetter oder die Familie reiche es.
«Wir lachen gemeinsam»
Welchen großen Unterschied das macht, sieht man, als Hedi Doudeche an die Fleischtheke in dem Nürnberger E-Center tritt. Freudestrahlend begrüßt er den Metzgermeister mit einigen Gebärden. Der 73-Jährige ist einer der beiden gehörlosen Stammkunden und wohnt ganz in der Nähe des Supermarkts im Stadtteil Röthenbach - drei Häuser von Klibanovs Haus entfernt.
Dank der Gebärdensprache hätten sich die beiden nun auch etwas zu erzählen, wenn sie sich zufällig auf der Straße träfen, sagt Klibanov. «Wir reden miteinander, wir lachen gemeinsam. Dadurch bekommt man näheren Kontakt.»
Etwa 80.000 gehörlose Menschen leben nach Angaben des Deutschen Gehörlosen-Bunds in Deutschland. In Bayern sind es dem Landesverband zufolge rund 10.000. Gleichzeitig gebe es im Freistaat nur etwa 200 qualifizierte Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher, die diese etwa bei Behördengängen und Arztbesuchen begleiten könnten, sagt Verbandsexperte Daniel Büter. Das zeige, wie groß die Barrieren im Alltag seien.
«Echte Teilhabe auf Augenhöhe»
«Einkaufen ist glücklicherweise ein Alltagsbereich, der mit sehr wenig direkter Kommunikation auskommt», ergänzt Büter. Dass Klibanov die Gebärdensprache lernt, findet er trotzdem sehr wertvoll. «Es ist ein großartiges Beispiel für echte Teilhabe auf Augenhöhe. Ein solcher persönlicher Austausch nimmt den alltäglichen Druck heraus und schafft eine Willkommenskultur», sagt Büter. In Deutschland sei so ein Engagement im Vergleich zu anderen Ländern wie den USA leider eher selten.
Die Gebärdensprache hat sich der Metzger mit Hilfe einer App beigebracht. Wenn abends seine sechs und acht Jahre alten Kinder schliefen, fahre er in seinen Schrebergarten, trinke Kaffee und übe, erzählt er. Demnächst will er außerdem einen Kurs am Bildungszentrum besuchen. Im Moment lerne er aber vor allem beim Umgang mit seinen gehörlosen Kunden.