Magie aus dem Netz: Der Online-Handel mit Zaubersprüchen
Autor: Rachel Sommer, dpa
, Mittwoch, 07. Januar 2026
Mit einem Klick sollen die Sorgen weg sein. Das versprechen Zaubersprüche, die online angeboten werden. Was die schnellen Problemlösungen mit Spaß, Manipulation und den Krisen der Welt zu tun haben.
Schutz vor Unheil, die Liebe des Angeschmachteten oder Erfolg im Beruf - all das wird auf Onlineplattformen durch Zaubersprüche versprochen. Angeboten wird die vermeintliche magische Abhilfe auf Etsy, Instagram und Co. teils für Kleinstbeträge, mitunter aber auch für Hunderte Euro. Über ein Geschäft, das sich zwischen Spaß am Ausprobieren, der Sehnsucht nach Kontrolle und Abzocke bewegt.
Sich die Welt erklären und Ängste in Schach halten
Einmal abgetaucht in den Online-Handel mit Zaubersprüchen finden sich die verblüffendsten Angebote: Es wird damit geworben, den «Fluch der Ehelosigkeit» loszuwerden. Und auch dafür, wenn der Partner vor der Familie mit einem prahlt, kann ein Zauberspruch erworben werden. Was aber bewegt Menschen dazu, an diese Angebote zu glauben?
Aberglauben gibt es schon seit Langem. Für den französischen Soziologen Pierre Lagrange geht es dabei um Neugierde und die Lust, die Welt um einen herum zu verstehen. «Ich würde sagen, es sind genau die gleichen Gründe, aus denen Menschen sich der Wissenschaft, der Religion oder anderen Aktivitäten zuwenden», erzählt der Forscher der Deutschen Presse-Agentur.
Auch aus Sicht der Psychologin Christine Mohr braucht es für den Glauben an Zauberei eine Offenheit für Sachen, die man nicht direkt wissenschaftlich erklären könne. Zudem würden Menschen ihr Leben gerne kontrollieren, können vieles aber nicht beeinflussen. Vermeintlich magische Rituale könnten dann auch helfen, Ängste zu reduzieren und ein Gefühl von Kontrolle zu geben. Jugendliche seien besonders offen, derartiges auszuprobieren. Mit dem Alter gehe der magische Glaube zurück.
Große regionale Unterschiede bei Hexenglauben
Weltweit ist der Glaube an Hexerei sehr unterschiedlich verteilt. Einer 2022 im Fachmagazin «PLOS One» vorgestellten Studie zufolge glauben 40 Prozent der Bevölkerung in 95 Ländern daran, dass Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten anderen Schaden zufügen können. Während in Tunesien 90 Prozent an Hexerei glaubten, waren es in Deutschland demnach nur etwa 13 Prozent.
In Frankreich landen in manchen Gegenden sogar regelmäßig Werbeflyer für selbst ernannte Seher und Medien im Briefkasten, die Abhilfe bei Problemen in allen Lebenslagen versprechen. Selbst mitten in der Pariser Innenstadt verteilen sie mitunter ihre Zettelchen. Ein Interview wollte dennoch keiner von ihnen geben. Und auch mit den Online-Händlern von Zaubersprüchen war kein Gespräch möglich.
Expertin sieht Trend zum Magischen
Doch ob der Glaube an Magie derzeit stärker ausgeprägt ist als noch vor einigen Jahren, ist laut Soziologe Lagrange von der Pariser Uni EHESS schwer zu sagen. Dennoch meint der Experte: «Man kann verstehen, dass die Menschen haufenweise Lösungen woanders suchen. Das ist normal. Es gibt ein derartiges Level an Unsicherheit.» Die Gesellschaft sei im Umbruch. Nur, wohin sie sich bewege, das wisse man nicht. Psychologin Mohr von der Universität Lausanne glaubt: «Die Angst und das Bedürfnis nach Kontrolle werden größer.»