Katzen auf dem Teller: Vietnams Esskultur im Wandel
Autor: Chris Humphrey, Bac Pham und Carola Frentzen, dpa
, Freitag, 10. Juli 2026
Was in Deutschland auf dem Sofa schnurrt, steht in Vietnam bis heute als Delikatesse auf vielen Speisekarten. Die Rettung von mehr als 400 Katzen zeigt jedoch: Das Land am Mekong verändert sich.
Mehr als 400 Katzen - verängstigt, ausgehungert und dicht gedrängt - sitzen in Käfigen, als die Polizei Mitte Juni in Ho-Chi-Minh-Stadt zuschlägt. Für viele kommt die Rettung buchstäblich in letzter Minute: In Kühlboxen entdecken die Ermittler rund 80 bereits tote Tiere. Es ist einer der bisher größten Schläge gegen den vietnamesischen Katzenfleischhandel.
Aber: Illegal war in diesem Fall nicht das Katzenfleisch selbst, sondern die Herkunft der Tiere. Es handelte sich mutmaßlich um gestohlene Haustiere und Streuner. Nach Angaben der Polizei soll die Bande über Jahre Katzen gestohlen oder eingefangen und an Restaurants verkauft haben. Neun Verdächtige wurden festgenommen.
Delikatesse und Aberglaube
Katzen oder Hunde auf dem Teller - für viele Deutsche wirkt diese Vorstellung schockierend. In Vietnam hingegen gehört das für einen Teil der Bevölkerung zur Esskultur. Während der langen Kriegsjahre und in Zeiten großer Armut wurden die Tiere vielerorts gegessen, weil andere Lebensmittel knapp waren. Heute gilt das Fleisch vor allem im Norden des Landes als Delikatesse und wird zudem mit Glück, Stärke und Wohlstand in Verbindung gebracht. Ähnliche Traditionen gibt es auch in anderen Ländern, etwa in Teilen Chinas und Indonesiens.
Südkorea hat hingegen eine Trendwende eingeleitet: Hier beschloss das Parlament Anfang 2024 ein Gesetz zum Ausstieg aus dem Hundefleischhandel. Nach Angaben der Regierung haben bereits mehr als 80 Prozent der Hundefarmen ihren Betrieb eingestellt.
Auch in Vietnam zeichnet sich ein langsames Umdenken ab: «Dieser Fund ist einerseits eine ernüchternde Erinnerung an das enorme Ausmaß des vietnamesischen Hunde- und Katzenfleischhandels und andererseits ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass sich die Einstellung im Land gegenüber diesem grausamen und gefährlichen Handel verändert», erklärte Karanvir Kukreja, Kampagnenleiter der Organisation Humane World for Animals (HWA).
Trotz des Ermittlungserfolgs und wachsender Kritik bleibt der Handel aber ein Millionengeschäft. Schätzungen der Tierschutzorganisation Four Paws (Vier Pfoten) zufolge werden allein in Vietnam jedes Jahr rund fünf Millionen Hunde und etwa eine Million Katzen für den Verzehr geschlachtet. Zuchten zu diesem Zweck sind weiter legal.
Katzengerichte für wenige Euro
Der Besitzer eines Restaurants in der Hauptstadt Hanoi, das Hunde- und Katzenfleisch serviert, sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Bei den Katzen müssen wir sehr sorgfältig auswählen. Sie dürfen weder zu alt noch zu jung sein. Ist eine Katze älter als ein Jahr, wird das Fleisch zäh und schmeckt nicht mehr.»