Kant, Klopse, Krieg: 80 Jahre Kaliningrad statt Königsberg
Autor: André Ballin, dpa
, Samstag, 04. Juli 2026
Nirgendwo sind russische und deutsche Geschichte so eng verwoben wie in Kaliningrad, dem alten Königsberg. Statt der angedachten Brücke zwischen Ost und West ist die Stadt nun wieder ein Vorposten.
Vom alten Königsberg zeugen nur noch wenige Inseln in Kaliningrad, der heute westlichsten Großstadt Russlands. Die wohl eindrucksvollste ist die Kant-Insel, der ehemalige Kneiphof.
Majestätisch erhebt sich der 50 Meter hohe Dom über der Insel im Pregel-Fluss. Knapp 700 Jahre nach seinem Bau ist er immer noch das Wahrzeichen der Stadt, und das Areal um den Backsteinbau herum ist bei Kaliningradern und Urlaubern der russischen Ostsee-Exklave ein beliebtes Ausflugsziel.
Das Grabmal von Immanuel Kant an der Rückseite des Doms ist ein Wallfahrtsort für junge Brautpaare. Blumen zeugen davon, dass der große deutsche Denker, der Vernunft und Moral in den Mittelpunkt seiner Philosophie rückte, auch in Russland seine Anhänger hat.
Die Universität der Ostsee-Metropole, die auf den Fundamenten der früheren Albertina ruht, trägt seit 2005 Kants Namen. Rund um den Dom schenken die kleinen Buden in der kalten Jahreszeit Kant-Wein genannten Glühwein aus.
Doch das einstige Stadtzentrum am Kneiphof ist inzwischen zur Randlage verkommen. Größtenteils prägen die Fassaden sowjetischer Wohnblocks Kaliningrad. Sie verdeutlichen genauso eindrücklich wie der Name, dass die Stadt, die viele Deutsche vor allem wegen des beliebten Fleischgerichts Königsberger Klopse kennen, seit 80 Jahren russisch ist.
Als die sowjetischen Truppen im April 1945 Königsberg eroberten, war nicht viel übriggeblieben von der einst stolzen Hansestadt, die 1255 vom Deutschen Ritterorden gegründet wurde.
Residenzstadt preußischer Fürsten und russische Herrschaft
In den fast 700 Jahren deutscher Geschichte zuvor hatte Königsberg Aufstiege und Niedergänge erlebt. Die Stadt war Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens und später Residenzstadt der preußischen Fürsten. 1701 krönte sich Kurfürst Friedrich III. hier zum König Friedrich I. in Preußen.