Justiz im Verborgenen? Urteile für Bürger kaum zugänglich
Autor: Taylan Gökalp, dpa
, Montag, 05. Januar 2026
«Im Namen des Volkes» – so steht es in jedem Gerichtsurteil. Doch nur die wenigstens davon kann das Volk selbst nachlesen. Eine Initiative will das ändern und das Vertrauen in den Rechtsstaat stärken.
Jedes Jahr werden in Deutschland Hunderttausende Gerichtsurteile gesprochen. Nur die wenigsten davon sind den Bürgern zugänglich - obwohl sie «im Namen des Volkes» verkündet werden. Stattdessen landen die Entscheidungen in den Archiven und werden schließlich nach einigen Jahren vernichtet. Schätzungen zufolge werden nur etwa ein bis drei Prozent aller in Deutschland gesprochenen Gerichtsurteile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei den Amtsgerichten sind es sogar nur 0,1 Prozent, wie aus einer Langzeituntersuchung im Zeitraum von 2011 bis 2020 hervorgeht.
Die Kampagne «OffeneUrteile» will das nun ändern und eine Million Gerichtsurteile öffentlich machen. Interessierte Bürger können über die Plattform www.offeneurteile.de die Veröffentlichung spezifischer Urteile anfragen. Hinter der Aktion stecken Organisationen und Unternehmen wie der Verein «openjur», die KI-Rechercheplattform «Anita», die Internetplattform «FragDenStaat» und die NGO «Transparency International Deutschland».
Die Idee: Mehr Urteile machen die Rechtsprechung verlässlicher
Die Idee dahinter: Je mehr Urteile öffentlich sind, umso vergleichbarer sind die Fälle und umso verlässlicher die Rechtsprechung. Denn Gerichte stützen ihre Entscheidungen in der Regel nicht nur auf das geschriebene Gesetz, sondern auf andere Urteile, etwa aus höheren Instanzen.
Mehr veröffentlichte Urteile könnten dafür sorgen, dass Richter sich an ähnlichen Fällen orientieren, sagte Kampagnensprecher Til Bußmann-Welsch, der auch die KI-Rechercheplattform Anita betreibt, dem Magazin «beck-aktuell» im November. Gerichtsverfahren würden dadurch schneller und die Bürger kämen einfacher zu ihrem Recht.
Ähnlich sieht es die Düsseldorfer Rechtsanwältin und Legal-Tech-Expertin Anja Topoll. Frei zugängliche Urteile könnten dazu beitragen, Legal-Tech-Innovationen zu beflügeln und Richter zu entlasten. «Wir reden ständig von Digitalisierung und KI im Rechtswesen, aber solange nur ein Prozent aller Urteile veröffentlicht werden, arbeiten wir mit Blindflugdaten.» Der Staat sitze auf Wissen im Namen des Volkes und nutze es nicht.
Die Veröffentlichung von Urteilen ist für die ohnehin überlasteten Gerichte allerdings mit Aufwand verbunden. Denn die Urteile müssen zunächst anonymisiert und für die Herausgabe an die Öffentlichkeit vorbereitet werden. In Hessen und Baden-Württemberg soll künftig die neue Künstliche Intelligenz (KI) «Jano» Justizangestellten dabei helfen.
Regionale Unterschiede bei Verurteilungen
Aus verschiedenen Studien wisse man, dass es in der Justiz regionale Unterschiede etwa in der Strafzumessung gebe, sagte Bußmann-Welsch «beck-aktuell». So könne es etwa dazu kommen, dass der Ladendieb in Regensburg stärker und härter bestraft werde als in Hamburg.