«Ich hatte keine Freunde» - Mediensucht bei Jugendlichen
Autor: Irena Güttel, dpa
, Dienstag, 12. Mai 2026
Jeden Tag verbrachte Jonas viele Stunden am Computer. Erst eine Therapie half ihm, davon loszukommen. Was sagt er heute dazu?
Jonas kann heute genau sagen, wieso er damals immer mehr in die digitale Welt abgeglitten ist. Das sei während der Corona-Pandemie gewesen, erzählt der 17-Jährige. «Die Leute hatten einfach Leerlauf - ich auch. Dann habe ich angefangen zu spielen.»
Computerspiele wurden damals zu seinem Lebensinhalt, jeden Tag verbrachte er bis spät abends viele Stunden vor dem Bildschirm. Ein anderes Hobby hatte er nicht, soziale Kontakte außerhalb der Online-Welt ebenfalls nicht. «Ich hatte keine Freunde. Meine Freizeit hat am Computer stattgefunden.»
Heute spricht Jonas offen über seine exzessive Mediennutzung, doch die Erkenntnis kam nicht von allein. Diese brachte erst eine Therapie am Klinikum Nürnberg vor etwa eineinhalb Jahren. Seit April 2023 bietet dieses eine eigene Sprechstunde für junge Mediensüchtige an, denn wie Jonas geht es vielen jungen Leuten seit Corona.
Zähneputzen und Duschen werden vernachlässigt
Betroffen seien vorwiegend Jungen im Alter von 14 bis 15 Jahren, sagt der Psychologe Philipp Martzog. Suchtgefährdet seien vor allem Jugendliche mit ADHS, Depressionen, sozialen Ängsten oder die unter Mobbing oder schulischen Misserfolgen litten. An der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie haben er und die anderen Fachleute bisher etwa 80 junge Leute mit einem riskanten Mediennutzungsverhalten behandelt, den Großteil wie Jonas ambulant.
Von einem riskanten Mediennutzungsverhalten sprechen die Fachleute, wenn jemand die Kontrolle darüber verliert, wie viel Zeit er am Smartphone, am Computer oder an der Spielkonsole verbringt, wenn die Medienzeit das Leben bestimmt und negative Folgen in Kauf genommen werden. «Es werden Freunde vernachlässigt, die Schule und die Körperhygiene. Man putzt sich seltener die Zähne oder duscht weniger», erläutert Martzog.
Das Problem ist oft die Einsicht der Betroffenen - die Eltern kommen nicht mehr an ihre Kinder heran. Auch Jonas hätte nie eine Therapie gemacht, wenn seine Mutter ihn nicht dazu gezwungen hätte, wie er sagt. Und noch immer ist er nicht komplett überzeugt, dass er diese wirklich gebraucht hätte.
«Ich habe das Computerspielen mehr wie ein Hobby betrieben, zwar wie ein extremes», sagt er rückblickend. Aber er kenne Leute, die seit eineinhalb Jahren nicht mehr zur Schule gegangen seien. So schlimm sei es bei ihm nicht gewesen, betont er. Dass er nicht viel für die Schule getan habe, das stimme aber schon. Jetzt, wo er in der 11. Klasse sei, gehe das nicht mehr.