Eine Conchita Wurst des Mittelalters als queere Heilige?
Autor: Christoph Driessen, dpa
, Freitag, 26. Juni 2026
Eine Frau mit Vollbart hat sich zur inoffiziellen Schutzheiligen der LGBTQ-Community entwickelt. Doch auch Jesus Christus selbst wurde mal männlich, mal weiblich, mal androgyn gesehen.
Auf den ersten Blick könnte man die Holzfigur mit Krone, wallendem Bart und Kreuz für einen König oder christlichen Heiligen halten. Doch bei genauerem Hinsehen fallen die feingliedrigen Hände und Brüste auf, die nicht so recht zu dem Bart passen wollen.
Ein Hinweisschild gibt Auskunft: Die aus Eiche geschnitzte Figur von etwa 1480 zeigt die Heilige Wilgefortis oder Kümmernis, eine legendenumwobene Figur aus dem Mittelalter, die sich in letzter Zeit zur inoffiziellen Schutzheiligen der LGBTQ-Gemeinschaft entwickelt hat.
«Wir lieben sie, unsere Wilgefortis, weil in dieser Figur unterschiedliche sexuelle Identitäten vertreten sind und wir auf diese Weise etwas zum Pride Month beizutragen haben», sagt Kim Mildebrath, Sprecherin des Museums Schnütgen für Kunst des Mittelalters in Köln. Dort soll am 5. Juli wieder eine der größten CSD-Paraden Europas mit mehr als einer Million Besuchern durch die Stadt ziehen.
«Die Wilgefortis erlebt derzeit ein richtiges Comeback», sagt Mildebrath. Manche vergleichen sie mit der bärtigen Kunstfigur und Eurovision-Song-Contest-Ikone Conchita Wurst, verkörpert von dem Österreicher Tom Neuwirth.
Der Legende nach war Wilgefortis die Tochter eines heidnischen Königs aus Portugal. Dieser König wollte sie gegen ihren Willen mit einem heidnischen Prinzen verheiraten. Daraufhin bat sie Jesus Christus um Hilfe, worauf dieser ihr einen Bart wachsen ließ.
Mit anderen Worten: Wilgefortis entsprach plötzlich nicht mehr dem heteronormativen Erscheinungsbild. «Sie hat das gleichsam als Waffe eingesetzt für ein selbstbestimmtes Leben», sagt Mildebrath. Allerdings währte dieses Leben nicht mehr allzu lang, denn ihr Vater ließ sie noch am selben Tag kreuzigen.
Queere Debatten schon im Spätmittelalter?
Wilgefortis‘ Gedenktag ist der 20. Juli. Ihr Name setzt sich vermutlich aus den lateinischen Wörtern «virgo» und «fortis» – «starke Jungfrau» - zusammen. Ein alternativer Name, Kümmernis, spielt darauf an, dass sie stellvertretend den Kummer vieler Frauen durch Gewalterfahrung und Missbrauch auf sich nimmt.